• Ute Kempf

Wenn der Maurer nicht getrunken hätte ...

Aktualisiert: März 5


Tränkgasse 21 (heute Kurt-Schumacher-Str. 1): Nicht ganz einfach - Trockenen Fußes zum "Hambojer Schusder".


Ein Beitrag von Ute Kempf zur Aktion "Selzer Häuser erzählen".



Niemand hatte die Absicht (so früh) eine Mauer zu bauen


Hätte der Selzer Maurer nicht so oft und nicht zu tief ins Glas geschaut, wäre unser Haus größer ausgefallen. Bei dem umfangreichen Um- und Anbau des um 1900 erworbenen Häuschen in der Tränkgasse war eine geräumige Schuhmacher-Werkstatt für Opa geplant. Aber die Geburt des dritten Kindes, Tante Frieda (Friedel genannt), stand kurz bevor und vorher musste der Hausumbau abgeschlossen sein. Zur flotten und zügigen Fertigstellung war der meistens betrunkene Maurer nicht in der Lage. Deshalb sprach Opa ein Machtwort und veranlasste das Ende der Arbeit mit dem Bau einer abschließenden Mauer. Die nicht gebaute Schuhmacherwerkstatt wurde dann ein Garten zur Straße hin.


Die Familie, das Haus und die nicht gebaute Werkstatt ... also der Garten.


Von der Walz an die Selz


Opa kam damals aus Hamburg zurück in seine Heimat. Er hatte Wanderjahre (1882 bis 1900) hinter sich und zuletzt in Hamburg als Schuhmacher-Meister gearbeitet. Dort lernte er seine Frau Auguste kennen. Mit ihr und ihren ersten beiden Kindern wollte er in seiner Selzer Heimat als Schuhmacher sesshaft werden.


Opa hieß Paul Schneider, wurde jedoch zeitlebens nach seiner Rückkehr "De Hambojer Schusder" genannt. Eines Tages kam eine Geschirr-Frau mit Pferd und Wagen und grüßte: "Guten Tag, Herr Hamburger". Es war ihr dann sehr peinlich, als sie erfuhr, daß Herr Hamburger in Wirklichkeit Herr Schneider war.


Der Herr Hamburger der Herr Schneider war.

Seine Werkstatt war mangels Weiterbau das Wohnzimmer. Die Familie wuchs zu 4 Kindern heran, die alle in der Wohnzimmerwerkstatt ihren Platz fanden. Er beschäftigte zeitweise drei Lehrlinge und einen Gesellen. Die wohnten zusammen mit der ganzen Familie Schneider in dem kleinen Häuschen.



Schuhe abputzen!


Opa hatte schnell einen großen Kundenkreis. Er reparierte nicht nur Schuhe, sondern fertigte auch neue Schuhe an.


Werkstatt und "Gudd Stubb".

Oft kamen die Leute mit dreckverschmierten Stiefel vom Feld direkt zu ihm und baten um die Reparatur derselben. Wenn allerdings seine Nachbarin mit ihren Schuhen aus dem Kuhstall kam und ihn um "e Richderche" (Lederflicken) bat, forderte er sie auf, erst mal die Kuhfladen von den Schuhen zu entfernen. Dann sei er für die Arbeit bereit. Dafür bezahlt wurde er meist erst nach der Weinlese. Da hatte man wieder Geld.


Über die Planken gegangen


Glücklicherweise lagen Hof, Garten und Haus ein paar Zentimeter höher als die Straße, so dass die Selz keine Chance hatte, sich bis ins Anwesen von Opa auszudehnen. Im Gegensatz zum Nachbarhaus, das aufgrund von Wasserschäden unbewohnbar war und abgerissen werden musste.


Man wußte sich zu helfen wenn das Wasser kam.

Gärten, Plätze und Straßen waren überflutet, wenn es lange und kräftig regnete. Wer in diesen Zeiten zum "Schlappe-Fligger" wollte, musste über Dielen balancieren. Die "Walachei", wie der Ortsteil bis heute genannt wird, war dann zu einem großen See geworden. Immer wieder hat mir meine Mutter erzählt, welchen Spaß die Kinder hatten, über die Bretter zu hüpfen und das Wasser spritzen zu lassen. Auch ich habe das noch erlebt in den 1960er und 1970er Jahren und manchen Erwachsenen ins Wasser plumpsen gesehen, wenn er auf den feuchten Brettern abrutschte.



Die wenigen Häuser, Scheunen und Hallen bekamen mit den Jahren Gesellschaft durch ein Neubaugebiet mit befestigten Straßen. Hochwasser gab es immer noch in der "Walachei" bei Starkregen. Erst der Bau des Wasserüberlaufbecken dort Anfang 2000 und die Renaturierungsmaßnahmen an der Selz brachten etwas Erleichterung. Starkregen lässt die Selz zwar steigen und die Gärten überschwemmen, aber Straßen und Plätze bleiben zumindest verschont.


Später wohnte die Tochter Margarethe Rathgeber (genannt, wie sollte es anders sein, "Schustergretel") in dem Haus, welches dann Mitte der 90er Jahre abgerissen wurde. Das neue Haus an gleicher Stelle hatte dann mehr Glück mit dem Maurer und ist auch so groß geworden wie gewollt.

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