• Stefan Bremler

"Es wird bekannt gemacht ..."

... am 05. November 2020 ist der Selzer Schellemann in der Kaiserstraße 25 Jahre alt geworden. Aus diesem feierlichen Anlass bat ich ihn zum Gespräch über seinen Standort, seine Geburt, seine Vorgänger an der Glocke und wie das so war, damals mit dem Ausschellen.

Der Selzer Schellemann, standhaft vergegenwärtigt er uns an jedem Tag ein Stück Selzer Vergangenheit. Selbst erst 25 Jahre alt, erinnert er uns an die viel weiter zurückliegende ruhigere und beschaulichere "Gute alte Zeit". Eine Zeit, in der die Informationen noch mündlich weitergegeben wurden.


Ich traf das etwas gereizte und bärbeißige Selzer Original auf seinem verkehrsumtosten Platz in der Kaiserstraße. Auffällig, aber aufgrund des wahrscheinlich täglich Gehörten nachvollziehbar, sein Hang zur rheinhessischen Schimpfwörtern.




"Hallo Schellemann. Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag."


"25? Echt jetzt ... erst?"

"Ich weiß nicht, wie das die Allgemeinheit so empfindet, aber mir kommt es vor, als würde ich mir hier schon seit mindestens 50 Jahren die Beine in den Bauch stehen."


"Und bitte ... HERR Schellemann! Soviel Zeit muss sein, du "Eumel".

Schließlich war das Ausschellen früher eine hoheitliche Aufgaben und wir Ausscheller zu respektierende Amtspersonen, ausgestattet mit weitreichender Polizeigewalt."



"Äh ... jawohl ... natürlich. Herr Schellemann, seit einem Vierteljahrhundert hier auf dem "Freien Platz". Wie steht es sich denn hier so?"


"Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? Der Platz ist nicht nur frei ... er ist auch verdammt laut und ... ."

(Gesprächspassage unverständlich. Der "Schott-Laster" fuhr vorbei.)


"Immerhin lerne ich hier durch die "Rummpienser" jeden Tag neue Schimpfwörter. Nur, dass die früher echt innovativer waren. Sag doch jetzt mal selbst ... "Urumbel", "Hannebambel" oder "Aldi Blunz" hört sich doch besser an, als das heute verbreitete "Fick dich".


"Die Jugend kann ja mal die Älteren fragen, was die alten Schimpfwörter bedeuten und so ihren Sprachschatz erweitern."



"Ich werde es weitergeben. Am 05.11.1995 haben sie hier Ihren Platz eingenommen. Wie kam es dazu?"


"Die Idee dazu hatte der Selzer Jost Strub. An seinem 70 Geburtstag, am 30. Juli 1993, erklärte er, er wünschte sich ein Ausscheller-Denkmal und legte mit seiner Spende den Grundstock für die Finanzierung." ¹¹


"Zwei Jahre hat es dann gedauert, bis der Gemeinderat sich auf einen Standort und Bildhauer geeinigt hatte und die Finanzierung gesichert war. Apropos ... 18.000 DM war ich den vielen Selzer Spendern wert." ¹¹



"Dafür hat es ja dann auch reichlich Gegenwert gegeben."


"Vorsicht, du "Abee-Migg"! Sonst brenn ich dir mit meiner Bimmel Eine ein. Du spielst offensichtlich auf meine Rundungen an. Die Bürger wollten mich so ... äh ... stattlich."


"Es gab schließlich eine Bürgerbefragung mit verschiedenen Modellen und Vorschlägen von Reinhold Petermann und dem Selzer Hans-Jürgen Hübner zur Ansicht und Abstimmung in der Schalterhalle der Volksbank Rhein-Selz." ¹¹


Zwei Modelle des Künstlers Reinhold Petermann von 1995. Bild: Stefan Bremler

"Und dann erhielt im März 1995 der angesehene Mainzer Künstler Reinhold Petermann den Auftrag zur Realisierung?"


"Genau, du "Schlaumeier". Leider ist mein Erzeuger, der Bildhauer, Maler und Dichter Reinhold Petermann im Februar 2016 verstorben."


"In Mainz und Umgebung sind viele seiner großartigen Werke im öffentlichen Raum zu finden. Auch meine beiden Brüder. Der "Diggwans" und der "Luladsch"."



"Äh ... wie ... Brüder?"


"Du "Tranfunsel", ... du weiß ja echt gar nix. Ich bin nicht der einzige, wohl aber der schönste Schellemann von Reinhold Petermann. Der Jüngste von uns steht in Mainz und ist übrigens viel dicker als ich, der Andere - der "Derrrabbel" - macht Dienst in Gundersheim."


"Und übrigens ... der Selzer Frosch im Bergweg ist auch vom Petermann ... und auch dicker wie ich. So, jetzt weißt du Bescheid."



Schellemann in Mainz von R. Petermann, 1998. ¹
Schellemann von R. Petermann in Gundersheim. ¹

"Danke, Herr Schellemann. Aber jetzt mal zu der Geschichte der Ausscheller. Wie war das damals?"


"Na, besser als heute auf jeden Fall. Das war eine Welt der Ordnung, der Zucht und Sittenstrenge. Straflos wäre da kein "Seggel" durch den Engpass gebrettert."


"Bei uns ging auch nicht alles ungefiltert raus, wie bei eurem Facebook, Instagram, Twitter und dem anderen modischen "Amberasch". Wir haben zum Beispiel nie das Mittagessen von so einem "Labbeduddel" oder einer "Bleedi Sunn" ausgeschellt. Oder irgendwelche Fake-News in ..."



"Äh ... Herr Schellemann, geht es nicht etwas ... äh ... sagen wir mal ... wissenschaftlicher?"


"Oh ... der Herr "Edepedede" will es etwas fundierter! Na gut, hoffentlich verstehst du auch alles."

"Jahrhunderte wachte über die Einhaltung der Gesetze im Dorf ein Dorfgericht, bestehend aus dem Schultheiß (vergleichbar mit einem Bürgermeister), einigen Schöffen und dem Gerichtsschreiber."

"Dieses Gericht besaß eine bedeutende Autorität und Machtfülle über die Dorfbewohner. Um diese durchzusetzen war dem Dorfgericht ein Gerichtsdiener (= Büttel) beigegeben. Aus diesem Dorfhüter wurde im 19. Jahrhundert der Gemeinde- oder Polizeidiener." ¹¹



"Und dieser hatten auch die Pflicht des Ausrufens oder Ausschellens?"


"Er hat es verstanden."


"Wer ... er?"


"Na du, du "Schnoogefänger". Aber genau, gut erkannt. Die Anordnungen, Beschlüsse und Urteile mussten ja irgendwie dem gemeinen Volk kenntlich gemacht werden."


Auszug aus einem SPD-Flyer für die Begrüßung von Neubürger, 1982. ²

"Der erste namentlich bekannte Polizeidiener war ein gewisser Johann Caspar Geil (1823 bis 1865). Ihm folgten an der Schelle ... ¹¹

Paul Schmittle II. (1865 - 1890),

Philipp Engelhardt (1890 - 1898),

Peter Reichert (1898 -1934),

Polizeidiener Peter Reichert, vermutlich 1930. ³
Polizeidiener Peter Reichert, 1930. ³

Christian Engelhardt (1934 - 1940),

Balthasar Rutsch (1940 - 1945),

Fritz Kissinger (1945 - 1948),

Wilhelm Braun I. (1948 - 1951),

Christian Engelhardt (1951 - 1956),

Wilhelm Braun I. (1956 - 1960),

Karl Friedrich Braun (1961 - 1970),

Ausscheller Karl Friedrich Braun 1995 zur Ankündigung der Einweihung des Ausscheller-Denkmals. ⁴

Heinrich Kissinger (1971 - 1984) und

Gustav Kissinger (1984 - 1987)."

Ausscheller Gustav Kissinger. ⁴

"Und was waren das für Bekanntmachungen?"


"Du "Beddbrunnser" willst es aber auch ganz genau wissen. In den letzten Jahren des Ausschellens waren es Informationen von allgemeinem Interesse. Wie zum Beispiel: ¹¹

  • Datum der nächsten Gemeinderatssitzung

  • Versammlungen der einzelnen Ortsvereine

  • Datum und Uhrzeit von Feuerwehrübungen

  • Abstellen von Wasserleitungen oder Abschalten der Elektrizität wegen Reparaturen

  • Schließung der Weinberge vor der Traubenlese

  • Beginn und Ende der Weinbergshut

  • Aufruf zu Bürgerversammlungen

  • Bekanntgabe von Tanzveranstaltungen

  • Ausschellen von verlorenen Gegenständen

.. ach ... und so weiter ... Also für die "Dollbohrer" wie du ... alles was jetzt in der "Rhein-Selz-Aktuell", "Wochenblatt" und "Lokalzeitung" steht. Also den Blättchen, die die Briefkästen verstopfen und für die ganze Wälder abgeholzt werden."


"Und natürlich... gegen Bezahlung wurden auch mal Mitteilungen privater oder geschäftlicher Natur ausgeschellt."



"Na, das war ja dann schnell verdientes Geld."


"Du "Knilsch", hast du 'ne Ahnung. Ich erzähl dir mal was."

"Unser Schelle war weithin zu hören. Da unser Dorf in früherer Zeit weitgehend bäuerlich strukturiert war, befanden sich die meisten Leute über Mittag zu Hause. Die Fenster öffneten sich und die Leute strömten auf die Straße, um die Neuigkeiten des Ausstellers zu hören. Und wenn da so eine "Daab Nuss" dabei war ... dann war das nicht so schlimm. Denn es gab ja genug Chancen, weil - und jetzt hör gut zu, du "Dibbeschisser" - wir ... die Nachrichten ... ACHTUNDVIERZIGMAL ... an verschiedenen Orten rausgebrüllt haben."

Und da waren die Neubaugebiete "Vor dem Sandgraben" und "Hinter der Kirche" noch gar nicht dabei.


"Und wir sind einhändig Fahrrad gefahren ... ohne "Luschen"-E-Bike mit Starthilfe, mein Freund!"



"Bitte beruhigen sie sich wieder, Herr Schellemann. Ich nehme alles zurück.

Und dann war aber 1987 plötzlich Schluss?" Was ist passiert?"


"Ach, "Hansworschd", das war traurig."


"Durch die Verwaltungsreform in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre verloren die Ortsgemeinden viele ihrer früheren Befugnisse. Auch die Polizeibefugnisse gingen auf die Verbandsgemeinden über." ¹¹


"Die Funktion des Ausstellers blieb aber zunächst weiter bestehen. Aber 1986 wurde unser letzter Ausscheller Gustav Kissinger krank und es wurde einfach kein Nachfolger mehr gefunden."


"Und was haben sie nicht alles versucht. Zum Beispiel mit Anzeigen in der "Selzer Ortsschell":"


Auszug aus Selzer Ortsschell 03/1987. ⁵
Auszug aus Selzer Ortsschell 10/1984. ⁶

"Das ein Jedermann selbst ausschellen kann, hat sich auch nicht durchgesetzt. Auch wenn es dafür prominente Beispiele gab."


Auszug aus Selzer Ortsschell 10/1986. ⁷


"Aber das Ende wäre wahrscheinlich auch so gekommen. Die Leute waren bald nicht mehr Zuhause, sondern beim Opel, Wurfzettel kamen groß auf und überhaupt ... heute hätte die stärkste Stimme keine Chance mehr gegen den Verkehrslärm."


"Unbenutzt und gebrochen (zumindest die Ortsschelle von 1935, die damals zusammen mit den neuen Glocken der evangelischen Kirche gegossen wurde) stehen die Ortschellen im Sitzungssaal des Gemeinderats und müssen sich seither selbst einiges anhören."

Die Ortsschellen von Selzen. Rechts die gebrochene Schelle von 1935. Bild: Stefan Bremler

"Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Schellemann ... und auch für die eher unfreiwillige Auffrischung der rheinhessischen Schimpfwörter."


"Gerne, ... aber eins noch, du "Brunnebudzer", ich mach ja wirklich jeden Scheiß mit ...


Schellemann mit Schlips. ⁸
Schellemann mit Corona-Mundschutz. ⁹

... aber ... du "Hudzelmännche" ... wenn ich noch einmal so ein rotes Hohnummer Kerbe-Dingsbums anziehen muss ...

Schellemann mit Hahnheimer Kerbe-T-Shirt. ¹⁰

... dann ... und das wird hiermit bekannt gemacht ... bin ich weg."



Quellen Bilder und Fotos:

Alle Bilder von Stefan Bremler, außer

¹ Reinhold Petermann; https://www.reinhold-petermann.de/werke/kunst-im-oeffentlichen-raum/

² Auszug aus einem SPD-Flyer für die Begrüßung von Neubürger, 1982.

³ Aus "Der Ausscheller", Festschrift zur Einweihung und Aufstellung der Aktionsfigur, Gemeinde Selzen, 1995

⁴ Aus "Der Ausscheller", Festschrift zur Einweihung und Aufstellung der Aktionsfigur, Gemeinde Selzen, 1995, Foto Beate Höneß

⁵ Aus "Selzer Ortsschell", SPD-Ortsverein Selzen, Ausgabe 03/1987

⁶ Aus "Selzer Ortsschell", SPD-Ortsverein Selzen, Ausgabe 10/1984

⁷ Aus "Selzer Ortsschell", SPD-Ortsverein Selzen, Ausgabe 10/1986

⁸ Frank Hamm, 2015; https://derentspannen.de/polizeidiener-und-ausscheller-in-selzen-aloha-friday-photo/

⁹ Michael Spitzl, 2020

¹⁰ Gemeinde Hahnheim, siehe auch https://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/oppenheim/vg-rhein-selz/hahnheim/hahnheim-feiert-kerb-mit-streich-und-festival_19049581


Quellen Text:

¹¹ Vgl. Hermann Kissinger, "Der Ausscheller", Festschrift zur Einweihung und Aufstellung der Aktionsfigur, Gemeinde Selzen, 1995




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