• Ursula (Ursel) Ullrich

Hämorriden im Gängelche

Kaiserstraße 18: Viel los und ein ständiges Kommen und Gehen in der „Olischmihl“.


Ein Beitrag von Ursula (Ursel) Ullrich zur Aktion „Selzer Häuser erzählen“.



Das Haus in der Kaiserstraße 18, in dem wir sieben Kinder des Ehepaares Luise und Walter Fichtelberger aufgewachsen sind, wurde im Ort „die Olischmihl“ (Ohligmühl) genannt.


Die Ohligmühl 1906 und 2021:



Öl für Selzen


Der Name stammte von der Ölmühle, die von unserem Uropa Christian Binzel (1853-1918) in diesem Haus betrieben wurde. Auf dem nachfolgenden Bild ist er mit seiner 2. Ehefrau Barbara Binzel (1854-1930) zu sehen.


Christian Binzel V. und seine 2. Ehefrau Barbara.

Nebenbei bemerkt:


Olig ist ein alter historischer Name für Öl, daher der Name Oligmühl.


Der Ölmüller (oder auch Öler, Ölschläger, Ölstampfer) produzierte für sich und gegen geringes Entgelt auch für andere Dorfbewohner Pflanzenöle aus Samen und -früchten. Genutzt wurden sie dann als Speise-, Futter-, Brennöl und Schmiermittel. Als Nebenprodukt konnte der nach der Ölgewinnung verbleibende Press- oder Ölkuchen wegen seines Eiweißgehaltes als hochwertiges Viehfutter genutzt werden.


Die Ölherstellung vollzog sich in vier Schritten:

  1. Es begann mit dem händischen Reinigen und Durchsieben der Ölsaat.

  2. Damit die Pflanzenzellen geöffnet und Öl austreten konnte, wurden die ölhaltigen Samen durch sogenannte Öl- oder Kollergänge zerkleinert. Dazu dienten ein oder meist zwei aufrecht rollende, sehr harte Mühlsteine („Ohligsteine“) von je 25 und mehr Zentnern. Diese Läufersteine drehten sich auf einer ringförmigen Bahn auf einem Bodenstein und gleichzeitig um sich selbst. Dabei zermalmten sie die auf dem Bodenstein ausgebreitete Ölsaat.

  3. Das Erwärmen der Ölsaat in flachen Pfannen ließ das in den Samen enthaltene Öl dünnflüssiger werden.

  4. Das Mahlgut wurde zum Pressen in ein Presstuch eingeschlagen und zwischen buchdeckelartige Pressmappen aus Holz oder Leder gelegt. Eine hölzerne Ramme drückte die Pressmappe zusammen und ließ das Öl abfließen. Die Klopfgeräusche der Ramme führten zu dem Ausdruck „Öl schlagen“.


Der "Ölmacher": Alter Holzstich von Jost Amman.

Und damit kennen wir jetzt auch die Herkunft des alten Selzer Familiennamens Öhlenschläger. Die Familie Öhlenschläger betrieb viele Jahre ein Lebensmittelgeschäft in der Gaustraße.


Da die Mühle nicht von Wasser oder Dampf angetrieben worden sein kann, dürften in der Oligmühle Ochsen, Kühe oder Pferde die Mühlsteine in Bewegung gesetzt haben.

Im hinteren und jetzt abgegrenzten Bereich der Ohligmühle zeugt noch heute eine verbliebene Mühlsteinhälfte von der - im wahrsten Sinne des Wortes - bewegten Vergangenheit.



Zum Bier: Eier aus dem Glas


Neben der Ölmühle befand sich in dem Haus eine Gastwirtschaft mit dem Namen „Wirtschaft von Christian Binzel V“.


Die Gastwirtschaft (links oben) auf einer Postkarte von 1906. Rechts unten eine Anzeige von 1963.

Später wurde die Gaststätte aus naheliegenden Gründen in „Zur Oligmühle“ umbenannt. Hier wurde Mainzer Aktien-Bier (MAB) ausgeschenkt. Zu essen gab es allerdings nur Brezeln und Soleier.


Nebenbei bemerkt:


Früher fand man Soleier in nahezu jeder Kneipe als kleine Stärkung für zwischendurch. Zur Freude des Wirtes schmeckten sie nicht nur gut, sondern waren auch ungekühlt mehrere Wochen haltbar.


Wer die alten Zeiten schmecken möchte ... so geht’s:

Ganz klassisch schlägt man die Schale der gekochten Eier rundherum ein und legt sie anschließend in ein Einmachglas mit stark salzhaltige Flüssigkeit. Zutaten für ein großes Glas mit 10 Eier:

  • 2 Zwiebeln

  • 40 g Salz

  • 2 TL Kümmel

  • 1 TL ganze Pfefferkörner

  • 3 Lorbeerblätter

Besonders köstlich sind Soleier, wenn du sie längs halbierst, das Eigelb herauslöst, ein wenig Öl, Essig, Pfeffer und Senf in die entstandene Mulde gibst und das Eigelb wieder darauf setzt. Dazu schmeckt Brot und Salat. Na dann, Mahlzeit!


Die Frauen schmeißen den Laden


Eines der Kinder unserer Urgroßeltern war unsere Oma Anna Binzel (1889-1972). Sie, die im Ort nur „die Oligmillern“ genannt wurde, war mit unserem Großvater Rudolf Binzel (1880-1929) verheiratet. Seltsam, früher hießen wohl alle Binzel ...


Aus dieser Ehe gingen wiederum fünf Kinder hervor:

Jakob (im Krieg gefallen), Elsbeth („Gette“), Loni, Anneliese und unsere Mutter Luise, die im Jahr 1949 unseren Vater Walter Fichtelberger heiratete.


Anna Binzel und ihre vier Töchter.

Oma Anna und Tante Gette betrieben nach dem Tod von Christian Binzel V. die Schankwirtschaft weiter. Dort gab es auch eine Kegelbahn (Scherenbahn). Mein Bruder Helmut kann sich noch gut daran erinnern, dass er als „Kegeljunge“ nach dem Wurf die Kugel zurückrollen und die Kegel wieder aufstellen musste. Diese waren unten abgerundet und standen auf Sand.


Von der Kegelbahn haben sich fünf alte und schwere Kugeln aus Holz erhalten und befinden sich noch heute im Besitz der Familie Fichtelberger. Schade, dass sie nicht von den derben Männer-Gesprächen der Kegelrunden berichten können. Aber ... vielleicht müssen wir auch nur Helmut fragen.



Bei der Kegelbahn, in der so genannten „Keglstubb“ stand auch der erste Billardtisch von Selzen.


Eine andere Aufgabe übernahm unsere Mutter Luise Fichtelberger. Sie sammelte frühmorgens im Ort die vollen Milchkannen ein und brachte sie zu uns. Im Sommer tat sie das mit einem Handkarren (“Kärrnche“), im Winter mit dem großen Schlitten, mit dem wir als Kinder immer das Hinkelgässje runtergefahren sind.


Nebenbei bemerkt:


Wer jetzt im Ortsplan von Selzen die Hinkelgasse sucht ... viel Spaß!

Wer möchte, kann dabei auch gleich den Eselsweg suchen.


Die Hinkelgasse existiert nur im mündlichen Straßenplan von Selzen und meint die Sackgassen-Abzweigung gleich vorne in der Ostergasse. Warum Hinkelgasse? Das Leben kann so einfach sein ... die Gasse heißt so, weil links und recht jemand mit dem Familienname Hinkel wohnte.


Bald mehr zu unseren offiziellen und inoffiziellen Straßennamen.


Die Milchkannen wurden dann mit einem kleinen Pritschenwagen von der Undenheimer Molkerei abgeholt und später wieder leer zurückgebracht. Gleichzeitig brachte der Fahrer die von den Bauern, die Milch abgeliefert hatten, bei der Molkerei bestellte Butter, Käse, Sahne und Schichtkäse mit. Diese konnten dann bei uns mitgenommen werden.


Wenn wir zum Zahnarzt nach Undenheim mussten und es zeitlich passte, hat uns der Fahrer immer eine Strecke mitgenommen. Zurück ging es dann mit dem Schienenbus.


Bei uns gab es auch bis 1964 eine Lotto-Annahmestelle. Dafür war unsere Gette zuständig. Bei ihr konnte man immer am Donnerstag seinen Tippzettel abgeben. Die Registriermaschine war blau und hatte einen langen Hebel, den man mit einem Ruck runterdrücken und wieder ganz hochziehen musste, da sonst die Registriernummern nicht fortlaufend waren. Ich saß als Kind oft dabei, weil da nämlich immer etwas los war. Schließlich hatten wir damals noch keinen Fernseher und Computer oder Handy waren noch in weiter Ferne.


Besonders hatte ich mich immer auf Albert Rüger gefreut, der nämlich immer eine Tafel Schokolade mitgebrachte ... wir glauben, sie war von Sarotti.



Stoßverkehr im Gängelche


Ja, und dann hatten wir auch noch das „Dokterstübbche“.


Montags und donnerstags kam mittags Herr Dr. Walter Klein aus Mommenheim, um bei uns Sprechstunde zu halten, da es in Selzen keinen Arzt gab. Bei schönem Wetter saßen die Leute alle im Hof oder bei Gette in der Küche. Und wenn viel los war, standen sie auch noch im „Gängelche“, wie unser kleiner Flur vor dem Sprechzimmer früher genannt wurde.


Einmal kam ein Mann aus dem nicht gerade schalldichten „Dokterstübbche“ und sprach zu den im „Gängelche“ wartenden Patienten: „Und, habt ihr jetzt alle gehört, dass ich Hämorriden habe?“

Man konnte auch einfach einen Zettel mit dem Medikamentenwunsch auf den Tisch im „Dokterstübbche“ legen, wo Dr. Klein dann, wenn er kam, die entsprechenden Rezepte ausstellte. Diese wurden anschließend von der Apotheke in Mommenheim eingesammelt. Die Medikamente wurden wieder zu uns geliefert und konnten bei uns abgeholt werden.


Nachdem Herr Dr. Klein 1987 in Ruhestand gegangen war, kam dann noch für kurze Zeit der heute noch in Mommenheim praktizierende Dr. Rainer Schaffstein, um die Tradition der Selzer Sprechstunden fortzuführen. Doch bald danach entsprach diese Praxis wohl nicht mehr den gesetzlichen Anforderungen und die von allen liebgewonnene Einrichtung musste geschlossen werden.



Heute ist unser Elternhaus nicht mehr im Familienbesitz. Wir erinnern uns aber gerne an die vielen Erlebnisse dort.


Es war immer ein Kommen und Gehen und Gäste waren jederzeit willkommen ... in unserer „Olischmihl".
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