• Stefan Bremler

Hans, guck in die Luft!

Selzer Kleinode unter dem Himmel. Biforien (Zwillingsfenster) als Zeichen des damaligen Wohlstands und Gruß an antike Vorbilder.


Oft laufen wir durch die Selzer Gassen im alten Ortskern. Doch viel zu selten schenken wir ihnen unsere Aufmerksamkeit. Kunstvolle Fenster im Giebel unserer alter Bauernhäuser, die wir eher an Palästen und Kirchen vermuten würden.


Biforium, Zwillingsfenster oder gekuppeltes Fenster nennt sich diese Fensterform, bei dem zwei gleich große, nebeneinander liegende Fenster durch eine Mittelsäule getrennt und durch zwei Bögen überwölbt werden. Die Basen und Kapitelle der Säulen berühren einander, verschmelzen und lassen so das Fenster zu einer beeindrucktenden Einheit werden.


In Selzen haben viele dieser repräsentativen und auch praktischen Fenster dem stetigen Wandel und großen Veränderungen getrotzt.

Wir sehen sie nur im alten Ortskern, also den Straßen, die bis Anfang des 19. Jahrhunderts innerhalb der ehemaligen Ortsbefestigung lagen. Sie bilden den Abschluss in den Stirnseiten der Hauptgebäude bedeutender Höfe und zeigen zur Strasse hin jedem Betrachter die damalige Stellung ihrer Bewohner.



Antike für den Hausgebrauch


Technisch war es in früheren Jahrhunderten im Stein- und Mauerwerksbau durchaus schwierig, große Öffnungsbreiten zu überspannen. Gekuppelte Fenster haben außer den ästhetischen auch statische Vorteile, da in den Bögen schmaler Teilfenster geringere Druckkräfte auftreten als in weit gespannten Bögen.


Doch bereits bei den ersten erhaltenen Zwillingsfenstern wird vermutet, dass es sich wohl vorrangig um eine ästhetische Frage handelte.


In den Jahren von etwa 1770 bis 1830 erfolgte im Baustil des Klassizismus ein Rückgriff auf diese antike Fensterform der Romanik und Gotik. Die Bauwerke besitzen insgesamt nur wenig Verzierungen und wirken streng, nüchtern und sparsam. Die Nachahmung der klassischen Antike und der griechisch-römischen Kunst steht im Vordergrund.


In der Epoche des Historismus von ca. 1830 bis 1900 wurden dagegen wahllos alle bisherigen Baustile vermischt. Die neue Architektur mündete stilistisch in den bereits von den Zeitgenossen so genannten „Rundbogenstil“, der Prinzipien der byzantinischen und romanischen Architektur mit verstärkt sachlich-konstruktiven und heimisch-regionalen Elementen (z. B. Sandstein) verband.


Die meisten der abgebildeten Selzer Häuser stammen aus diesen beiden Baustil-Epochen.


Schein oder sein


Natürlich nutzten die Bauherren die antike Fensterform auch, weil ein Fenster zu wenig Licht bedeuten und zwei Öffnungen einen zu schmalen Fensterschaft ergeben würden. Aber letztlich ist bei den abgebildeten Fenster längst die eigentliche Belichtungsfunktion gegenüber einer dekorativen Außen- und/oder Innenwirkung zurückgetreten. Und damit charakteristisch für diesen Zeitabschnitt einer auf Repräsentation ausgerichteten Architektur. Gesellschaftlich können die Bauformen mit dem aufstrebenden Bürgertum und seinem Wunsch nach Repräsentation verknüpft werden.


Aber wenn auch nur pure Angeberei, egal, ich finde sie einfach nur schön. Punkt.

Und NICHT in der nächsten Ausgabe:


Das Monoforium ist einsam.


Beim Triforium tanzt immer einer aus der Reihe



Quellen:

Vgl. Seite „Gekuppelte Fenster“ in Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 25. August 2018, URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gekuppelte_Fenster&oldid=180336878

Vgl. Seite „Gekuppelt (Architektur)“ in Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7. Januar 2019, URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gekuppelt_(Architektur)&oldid=184501195

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