• Stefan Bremler

Little Stonehenge in Selzen

Updated: Sep 30, 2019

Der "Menhir von Selzen" und sein geschützter kleiner Bruder.


Bei der Flurbereinigung 1968 wurde bei Ausbauarbeiten von neuen Wegen und Gräben zwischen Selzen und Mommenheim der sogenannte "Menhir von Selzen" freigelegt. Dabei handelte es sich um einen etwa 10 Tonnen schweren feinkörnigen und leicht glitzernder Sandstein aus der Alt-Tertiärzeit vor etwa 25 bis 35 Millionen Jahren.¹


Es bestehen allerdings starke Zweifel darüber, ob es sich bei diesem Stein um einen echten Menhir handelt. Vielmehr gehen die Experten davon aus, dass es sich lediglich um einen natürlich gewachsenen Findling handelt. ²

Der "Menhir von Selzen"

Aber langsam ... was ist eigentlich ein Menhir?


Der Ausdruck „Menhir“ ist eine bretonische Bezeichnung keltischen Ursprungs für ein hochkantig aufgerichtetes Steinmal. Er bedeutet „Langer Stein“ (men = Stein, hir = lang) und fand bereits ab Ende des 18. Jahrhunderts als wissenschaftlicher Begriff Eingang in die archäologische Fachliteratur Frankreichs. Schon sehr bald wurde diese Bezeichnung auch für ganz Europa übernommen. ³


Bei uns ist allerdings eher - nicht zuletzt Dank Asterix und Obelix - der volkstümliche Name "Hinkelstein" gebräuchlich. Bereits seit dem Mittelalter findet sich der Name „Hinkelstein“, eine missverstandene Ableitung des Wortes „Hünenstein“ (Riesenstein).

Im Laufe der Zeit wurde der Hünenstein zum „Hühnerstein“ und dann letztlich zum mundartlichen „Hinkelstein“. ³

Menhire sind meist freistehend, einzeln, in Kreisen oder in Reihen angeordnet. Sie können künstlich in Form gebracht oder unbearbeitet sein. Einige sind verziert mit Mustern und Spiralen, menschlichen Darstellungen und Gerätschaften. Anders als sonstige Findlinge wurden die Hinkelsteine bewusst vertikal in der Erde verankert. Sie stehen weithin sichtbar bevorzugt an Orte wie Berghänge, natürliche Anhöhen, Wegesränder oder an Wasserstellen und Bachläufen. ³


Bis heute rätselt man, welche Funktion diese steinernen Kolosse einst hatten. Für die Archäologen sind sie Jahrtausende alte Zeugen menschlicher Kultur, in der die Denkmäler Treffpunkt und Ort kultischer Rituale waren, wie im englischen Stonehenge. Später dienten die Steine auch als Grenzsteine oder Gerichtsort. ⁴


Wie viele dieser Steine im fünften bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend an ihre Plätze gekommen sind, bleibt bis heute unklar. Die logistische Leistung, die der Aufstellung eines Hinkelsteins zugrunde lag, verlangt noch heute Respekt ab. Nicht zuletzt deshalb glaubten nachfolgende Generationen, diese Steine seien nicht das Werk von Menschen, sondern gehörten in die Welt von unsichtbaren Wesen mit übernatürlichen Kräften.


Kein Opfer, kein Tanz, kein Ritual ... aber viel Liebe


In der Liste der Menhire in Rheinland-Pfalz wird auch der Selzer Stein als Menhir aufgeführt, auch wenn nicht nachgewiesen werden kann, dass er jemals eine der genannten Funktionen hatte.


Damit ist er einer von 12 rheinhessischen Menhire. Weitere finden sich in Alzey-Dautenheim, Armsheim, Dexheim, Dittelsheim-Hessloch, Essenheim, Flonheim, Gumbsheim, Monsheim, Nackenheim, Nierstein und Saulheim.


Um den Saulheimer Menhir, mit insgesamt 7,40 Meter (bis zur Hälfte eingegraben) der Größte in Rheinhessen, ranken sich viele Sagen. So sagt man, der Teufel selbst habe ihn dort hingeschleudert. Eine andere Geschichte kündet von einem Wörrstädter Geizhals, der sein Geld unter dem Stein versteckt habe, es aber nicht mehr fand, so dass er sich erhängte. Ende des 19. Jahrhunderts beflügelte dieser Sagenstoff manchen Zeitgenossen, nach dem angeblichen Schatz zu graben. Bei einem dieser Versuche zu Weihnachten 1883 fiel der Menhir um und erschlug zwei Männer. ⁴

Auch wenn der Selzer Menhir keine Tradition und Sagen aufzuweisen hat, werden ihn zukünftige Generationen doch als einen Ort erkennen, der Menschen zusammengeführt hat. Davon zeugen zumindest die hunderte in den Stein geritzten Liebesbeweise.


Der Lange und die Kleinen


Auf Anregung des damaligen Vermessungsbeamten Hessinger wurde der Selzer Koloss (sichtbare Länge fast 4 Meter) vor 50 Jahren in einer Weggabelung am Heidnischen Rechsklauer aufgestellt. ¹


Diese Fläche wurde anschließend im Zuge der Landschaftspflege gestaltet, mit Ruhebänken und Tische versehen und dient heute als Erholungsplatz.



Und passend zum Name der Gemarkung Heidnischer Rechsklauer, hat man noch eine Reihe alter, gehauener und schützenswerter Gemarkungszeichen und Grenzsteine eingegraben, so dass sich jetzt der Eindruck eines heidnischen Steinkreises ergibt.



Darunter befindet sich auch eine Kalksteinstele mit Sickinger Wappen aus dem Jahr 1702. Er befindet sich auf der Liste der Kulturdenkmäler in Selzen und ist damit denkmalgeschützt.

(Lage der Kulturdenkmäler unter: https://www.derselzer.de/denk-mal)



Laut dem Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier waren es etwa 15 alte Grenzsteine, die dort aufgestellt wurden. Leider sind es inzwischen weit weniger und ich konnte nur acht entdecken.

Möge jedem, der dort einen Stein entfernt hat, dieser auf den Fuß fallen. ;-)

Quellen:

¹ Vgl. Emma Sladek, Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, 1982, Seite 65

² Vgl. „Liste der Menhire in Rheinland-Pfalz“, Wikipedia, Bearbeitungsstand: 18. Juni 2019, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_der_Menhire_in_Rheinland-Pfalz&oldid=189652976

³ Vgl. Dr. Detert Zylmann, Das Rätsel der Menhire, Mainz, 2003

und der Saulheimer Menhir, Regionalgeschichte, 2014, https://www.regionalgeschichte.net/rheinhessen/saulheim/kulturdenkmaeler/menhir-ober-s.html

⁴ Vgl. Günter Schenk, Magie und Mythen – Hinkelsteine in Rheinhessen, 2018,

https://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/rheinhessen/magie-und-mythen-hinkelsteine-in-rheinhessen_19066594


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