• Stefan Bremler

Mein Freund, der Baum ist tot

Aktualisiert: 6. Nov 2019

Der Selzer „Sporebaum“ – Seine Geschichte vom Leben und Sterben


Oder ... wie ein kleiner Käfer mit einer tödlichen Sporenfracht im Gepäck zur biologischen Waffe wurde und das Antlitz von Selzen und anderen Dörfern dramatisch veränderte.


Sie waren in der Vergangenheit Wegweiser, Dorfgrenze, Zeichen fränkischer Friedhöfe, Teil der Dorfbefestigung, Wachturm und Ort von Rechtsprechung bzw. Steuerabgabe. Heute sind sie weithin sichtbare Wahrzeichen der Dörfer und identifikationsstiftende Treffpunkte der Bewohner. Jahrhunderte alte landschafts- und ortsbildprägende Baumriesen in unseren Dörfern Rheinhessens.


Neben den als typisch deutsch geltenden Eichen und Linden sind auch mächtige Kastanien, Eschen und Buchen stumme Zeugen unserer Kulturgeschichte. Sie haben Jahrhunderte überdauert und Veränderungen, Kriegen und Stürmen getrotzt.

Die Ulmen in Rheinhessen


Dazu gehört auch einer der stattlichsten Laubbäume: die Ulme, auch Rüster oder Effe genannt. Ulmen werden bis zu 40 Meter hoch und über 400 Jahre alt. Stammdurchmesser von bis zu drei Metern sind keine Seltenheit.


In Rheinhessen gab es mächtige Ulmen in der unbesiedelten Landschaft und große bedeutsame Baumgestalten in den Ortslagen. In Armsheim, Ortsteil Schimsheim, stand die Ulme mit dem größten Stammumfang von Deutschland. Die „Schimsheimer Effe“, eine 1000-jährige Ulme und früherer Gerichtsbaum, hatte einen Umfang von fünfzehn Metern. Weitere mächtige, über 30 Meter hohe Ulmen waren: der „Lutherbaum“ in Worms-Pfiffigheim, die „Dolgesheimer Effe“, der große „Heyerbaum“ in Schornsheim, die „Ober-Olmer Ulme“, die „Wolfsheimer Effe“ und der 700-900 Jahre alte „Angelbaum“ in Hahnheim. ⁴

Und natürlich ... unser, mit 185 Jahre noch relativ jungen und daher nicht ganz so hohen, „Sporebaum“ in Selzen.


Dorfansicht mit Sporebaum in einem kolorierten Holzstich vom Clemens Kissel, 1910.

Doch inzwischen sind all diese legendären Bäume nur noch auf alten Fotografien zu bewundern. Der Grund ist neben altersbedingtem Ableben und Sturmschäden vor allem eine Tragödie: das große Ulmensterben, welches auch unseren „Sporebaum“ dahinraffte.

Die Ulme und ihre Bedeutung für unsere Vorfahren


In der nordisch-germanischen Mythologie wurden Mann und Frau aus Esche und Ulme erschaffen. In Griechenland führte Hermes die Verstorbenen, begleitet von den geflügelten Ulmenfrüchten, in die Ahnenwelt. Daher pflanzten sie für jeden gefallenen Helden eine Ulme. Als Sinnbild für den Tod wurden auch auf den Friedhöfen Mitteleuropas gerne Ulmen gepflanzt, deren Macht den friedvollen Übergang repräsentiert. In England waren sogar die Särge lange Zeit aus Ulmenholz gefertigt.


In Frankreich und Deutschland wurde der Schatten ihres Kronendachs geschätzt und zu ihren Füßen Recht gesprochen. Viele alte Ulmen standen daher traditionell als Schutz-, Dorf- oder Gerichtsbaum im Mittelpunkt der Siedlungen.

Interessant ist auch "die Vermählung" der Ulme mit dem Rebstock. So nutzten die Römern Sprösslinge der Ulme als Haltestütze für ihre Weinreben.


In Ober-Olm und in Nieder-Olm waren die Ulmen wahrscheinlich Namensgeber für die alte Selz. Sie hieß dort Ulmena und somit war der Baum wohl auch indirekt Namensgeber für die beiden Orte. Auch als Familiennamen kennen wir sie, z. B. im Namen Ulmer und Delorme.


Der Sporebaum – Die Biografie

Der Vorgänger


Ludwig Lindenschmit (Künstler, Archäologe und Museumsbegründer, 1809-1893) beschreibt in seinem 1848 erschienen Grabungsbericht „Das germanische Todtenlager bei Selzen“ den Vorgänger des Sporebaum.

„An der Mühle vorüber führte ehemals die Alte Landstraße, der „Heerweg“ genannt, in gerader Richtung gegen den Angelbaum, eine Rüster von höchstem Alter und so riesenmässigem Wuchse, dass in den 1790er Jahren, ... laut Aussagen noch lebender Augenzeugen,

...elf Männer bei ihrem Umhauen beschäftigt waren, ohne dass einer den anderen hinderte.“ ¹

Auch wenn der „Augenzeuge“ etwas übertrieben haben mag, bei einem derartigen Stammumfang können wir davon ausgehen, dass der hier auch Angelbaum genannte Rüster, ein hohes Alter weit über den üblichen 400 Jahren gehabt haben muss.


Dieser Baum war ein Zehntbaum ("Zehnt" = mindestens10%-ige Steuer in Form von Naturalien an Kirche oder Grundherrn) und das ist letztlich auch der Grund für sein gewaltsames Ende.


Dazu schreibt Prof. Dr. Dr. Otto Blöcher (Pfarrer in Selzen von 1962-1964):

„1792 besetzten die Franzosen Worms und beseitigten die kirchliche Grundherrschaft, damit auch in Selzen. Bis 1792 pflegten die Abgesandten des Wormser Domkapitels die – zuvor in der Zehntscheune des Domhofs gesammelten – Naturalabgaben des Großen und des Kleinen Zehnten unter einer gewaltigen Ulme an der Südostecke des Dorfes abzuholen. Als die verhasste Steuer an das Domstift wegfiel, fällten die Einwohner Selzens alsbald die alte Ulme, ... und veranstaltete aus ihrem Holz ein großes Freudenfeuer.“ ²

An der Stelle des Zehntbaums sollte sich dann später der Sporebaum erheben. Ob diese Ulme ein Schoß aus der Wurzel des Zehntbaumes war oder 1792 als revolutionärer Freiheitsbaum gepflanzt wurde, lässt sich leider nicht mehr zweifelsfrei sagen.

Ausschnitt aus einer Postkarte von 1906 mit dem Sporebaum (rechts)

Die Namensgebung


Woher kommt der Name Sporebaum? Nun, das ist schwierig zu sagen. Anders als bei seinem Vorgänger und vielen älteren Ulmen in den benachbarten Orten hat sich der „Verwendungszweck“ nicht im Namen verewigt. So ist ein Heyerbaum ein Schutzbaum für das Dorf und zumeist ein Hinweis auf ein fränkisches Gräberfeld, der Angelbaum ein Baum auf einem erhöhten Platz (Anger) und ein Gerichtsbaum der Ort, an welchem Recht gesprochen wurden. Der Selzer Zehntbaum hatte wohl – aufgrund seines erhöhten Standortes am Rand des Dorfes und der Nähe zum Gräberfeldes - viele dieser Funktionen gleichzeitig.


Für die Namensherkunft Sporebaum könnte es folgende Erklärungen geben:

  • Der Baum wurde aufgrund seines Standortes am alten Heerweg „Spurbaum“ genannt.

  • Im Name Sporebaum wurde der Begriff „Spore“ als Synonym für die Begriffe Samen oder Saat verwendet. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass er tatsächlich ein Ableger des alten Zehntbaumes war. Vielleicht war es auch nur den hundertfach vom Wind verteilen geflügelten Samen geschuldet.

  • In alten Büchern wird die Eberesche (oder auch Sperberbaum und Vogelbeerbaum) Sporbaum genannt. Vielleicht gab es hier einen nicht mehr nachzuvollziehenden Zusammenhang.


Das Heranwachsen


Von 1792 bis 1978 wuchs der Sporebaum zu einem stattlichen Baum heran. Unter seinen ausladenden Zweigen wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Dorfbefestigung – deren Teil er wohl war – niedergelegt. Er war unmittelbarer Zeuge der Ausgrabung (1844/45) des nahen fränkischen Friedhofes aus dem 5. bis 7. Jahrhundert n. Chr. und damit dem Beginn systematischer archäologischer Forschungen in Deutschland. Er verlor seine Grenzstatus durch Vergrößerung des Dorfgebietes.

1978 dürfte er etwa eine Höhe von fast 20 m und einen Stammdurchmesser von etwa 1,60 m erreicht haben.
'... Als kleines Mädchen kam ich schon / zu dir mit all den Kindersorgen / ich fühlte mich bei dir geborgen / und aller Kummer flog davon ...' (Liedtext ALEXANDRA, Foto BEATE HÖNESS)

Wobei uns die Bilder von 1906/1909 und von 1978 zeigen, dass er wohl im Laufe der dazwischen liegenden Jahre seine Spitze verloren hat. Ob durch Sturm oder Rückschnitt ist mir leider nicht bekannt.


Die Krankheit


Eine Tragödie nimmt ihren Lauf, das große Ulmensterben.

Welche bittere Ironie, dass ausgerechnet Pilzsporen dem Sporebaum den Garaus machten.

Seit 1918 wurde ein in ostasiatischen Ulmen lebender Pilz (Ophiostoma ulmi) durch den Menschen nach Europa verschleppt breitete sich von den Niederlanden über Europa aus. Im Gegensatz zu den ostasiatischen Ulmen, die sich an den Pilz anpassen konnten, fielen ihre europäischen Verwandten der „Holländischen Ulmenwelke“ in großem Maße zum Opfer. Aus Europa wurde der Pilz 1928 nach Nordamerika verschleppt, wo er einen Großteil der dortigen Ulmen vernichtete. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts nahm die Intensität der Krankheit ab. ⁵


Gegen Ende der 1960er Jahre wurde ein aggressiverer Stamm des Pilzes (Ophiostoma novo-ulmi) aus Amerika zurückimportiert, der auch die als resistent geltenden Pflanzen befiel. In dieser zweiten Welle des Ulmensterbens kam es zwischen 1971 und 1978 allein in England zu einer Reduzierung des Ulmenbestands um etwa 20 Millionen Bäume. Die deutschen Städte verloren seit dem ersten Auftauchen des Erregers schätzungsweise 70 bis 90 Prozent ihres Ulmenbestandes. ⁵


Doch, wie kam der Pilz zu unserem so einsam in der Gemarkung stehenden Sporebaum?

Der alte Sporebaum (Foto BEATE HÖNESS)

Die Ausbreitung der Pilzerkrankung erfolgt tragisch-effektiv mit dem Ulmensplintkäfer. Diese Borkenkäferart kann bis zu 10 Kilometer ausschwärmen und findet auch die verborgensten Ulmen. Die Ulmensplintkäfer nutzen die Baumrinde zur Ablage ihrer Brut. Dabei infizieren die Käfer und später auch die Jungkäfer die Bäume mit den verhängnisvollen Pilzsporen. ⁶

Wenn die jungen Käfer dann im Frühjahr den Baum verlassen, haben alle die tödlichen Sporenfracht im Gepäck.


Die Ulme ist gegen Pilz und Käfer absolut chancenlos.

Der Pilz wächst explosionsartig im Holz der Ulme und verbreitet sich zügig im ganzen Baum. Dieser versucht mit Abschottungen innerhalb der Zellen den befallenen Bereich zu isolieren. Zusammen mit den vom Pilz produzierten Giftstoffen verursacht die Ulme damit Probleme bei der eigenen Wasserversorgung. Die Leitungen sind dicht, der Baum vertrocknet. Bei jüngeren Ulmen dauert es meist nur wenige Monate, bis ein Baum stirbt. Bei älteren Bäumen kann der Prozess, der zum Tode der Ulme führt, mehrere Jahre andauern. ⁶

Der Tod

Im Herbst 1977 musste leider konstatiert werden, dass der 185 Jahre alte Sporebaum vollständig abgestorben war und gefällt werden musste.

Die Feuerwehr fällte die Ulme unter reger Anteilnahme der Bevölkerung am 14. Januar 1978. ³


Ein besonderes Schauspiel, vor allen für die Kinder. (Foto BEATE HÖNESS)

Der Ortsverschönerungsverein bewirtete die Zuschauer mit Glühwein und Würstchen. Außerdem wurden Postkarten mit dem Bild vom Sporebaum verkauft. Der Erlös dieser Aktion wurde unter anderem für die Pflanzung eines neuen Baumes verwendet. ³



Zunächst war die Gemeindeverwaltung allerdings der Meinung, dass es der hiesigen Feuerwehr aus technischen Gründen nicht möglich sei, den Baum zu fällen. Dies gelang jedoch durch Aufbaggern des Geländes, spannen von Seilen und umreißen des Baums mit zwei Traktoren. ³




Der überwiegende Teil des Baumes wurde anschließend verbrannt, und so wurde ironischerweise das Ende seines Vorgängers wiederholt. Nur dass diesmal nicht Freude vorherrschte, sondern Trauer.

Das Erbe


Der Ausschuss verzichtete damals nach Anhörung von Fachleuten vorausschauend darauf, wieder eine Ulme zu pflanzen. Es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass auch sie erneut dem Ulmensplintkäfer und dem Pilz zum Opfer fallen würde. ³

Und tatsächlich, obwohl der Höhepunkt des Ulmensterbens inzwischen schon über 40 Jahre zurückliegt, ist der Käfer in Verbindung mit dem Pilz immer noch so aktiv, dass schon junge Bäume neu befallen werden und absterben.


Den Forstwissenschaftlern bleibt eigentlich nur die zweifelhafte Hoffnung, dass sich das Ulmensterben irgendwann "totläuft", weil den Ulmensplintkäfern schlicht die brutfähigen Bäume weggestorben sind. Diese Hilflosigkeit von Baum und Mensch gegenüber dem Ulmensterben ist Zeugnis für die tückische Gefahr, die von eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten oder Pilzen in heimischen Ökosystemen ausgehen kann. ⁶


Zwar wird die Ulme auch ohne Hilfe nie völlig aussterben, denn sie fruchtet noch in der Jugend, also Jahre, bevor der Pilz sie befallen kann. Aber sie ist zu einem Schattendasein verdammt. Die stattlichen Ulmen, sie sind für immer verschwunden, und mit ihnen all die alten Traditionen und Erinnerungen.


'... wer wird mir nun die Ruhe geben / die ich in deinem Schatten fand / mein bester Freund ist mir verloren / der mit der Kindheit mich verband ...' (Liedtext ALEXANDRA, Foto BEATE HÖNESS)

In Selzen wurde im April 1978 an der Stelle des Sporebaums eine Linde gepflanzt. Dabei wurden Schriftstücke über die Geschichte des Sporebaum und der Gemeinde Selzen ein Lageplan des Dorfes und eine Flasche Wein miteingegraben. ³

Bleibt zu hoffen, dass der Linde ein längeres Leben vergönnt ist und die Flasche erst in ganz ferner Zukunft entkorkt wird.

Quellen:

Zunächst einmal vielen Dank an Beate Höneß für die Bereitstellung der tollen und interessanten Fotografien von unserem alten Sporebaum und seinem leider tragischen Ende.


Überschrift und Liedtexte: Alexandra, "Mein Freund, der Baum", 1968


¹ Vgl. Das Germanische Todtenlager bei Selzen in der Provinz Rheinhessen, Gebrüder W. und L. Lindenschmit, 1848, Seite 2

² Vgl. Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Prof. r. Dr. Otto Böcher, 1982, Seite 30

³ Vgl. Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Klaus Penzer, 1982, Seite 162 und

Selzen - Geschichte und Geschichten einer Selztalgemeinde, Bernhard Marschall, 2007, Seite 111

⁴ Vgl. Ulmen in Rheinhessen, Weinbrief 32-33, Rolf Faible, 1999, https://www.weinbruderschaft-rheinhessen.com/download/beitrage_fruherer_jahre/1999_ulmen_in_rheinhessen.pdf

⁵ Vgl. Seite „Ulmensterben“ in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. 27. September 2019, URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ulmensterben&oldid=192637795

⁶ Vgl. Waldwissen.net, Wenn Ulmen heimlich sterben, Jan Preller, 07.06.2019, https://www.waldwissen.net/waldwirtschaft/schaden/pilze_nematoden/wuh_ulmensterben/index_DE

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