• Stefan Bremler

Chronik des Untergangs - Selzen von 1939 bis 1945

Selzen unter dem Hakenkreuz (Teil 2): Der folgende Beitrag notiert kurz einige Ereignisse aus Selzen und Umgebung in der Zeit zwischen Beginn und Ende des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren. Erhellend für die Zeit und politischen Verhältnisse sind auch die eingestreuten Anordnungen, die bis 1943 unter anderem an die Volksschule Selzen gingen. ¹


Die Vorkriegsjahre von 1933 bis 1938 werden hier behandelt.


Noch vor kurzem hat ein Selzer Wache im Brandenburger Tor gestanden (Bild). Sein zweijähriger Wehrdienst endete im November 1938. Bereits im August 1939 wird er wieder zur Sicherung der Westgrenze einberufen. Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 ist da längst beschlossene Sache.

Von einem Maschinengewehrschuss lebensgefährlich verletzt, wird der Krieg für ihn 1940 zu Ende sein.






Anordnung des Kreisschulamt Mainz an die Volksschule Selzen:

„(…) halte ich es für außerordentlich wichtig, dass die Jugend mit der Schrift „Spione-Verräter-Saboteure“ unbedingt vertraut gemacht wird."

"Die vorzügliche Aufklärungsschrift enthält alles Wissenswerte über die ausländische Spionage und ihre Abwehr, über die Landesverratsgesetzgebung, über die französischen Fremdenlegionäre als Rekruten des Landesverrates, über die Sabotage als die Schwester des Verrats.“ ¹

In Selzen werden für den Krieg an der Westfront Wehrmachtssoldaten einquartiert.

So auch bei der Familie von Lehrer und Schulleiter Georg Keller. Auf dem Bild links Hauptmann Klapper mit der Familie Keller. Rechts sein Adjutant Lutz Weiland (?), der in Selzen überraschende Spuren hinterlässt. Dazu bald mehr.

Anordnung des Kreisschulamt Mainz an die Volksschule Selzen:

„Ich nehme Bezug auf meine anlässlich der Dienstbesprechung der Schulleiter getroffenen Anordnung und ...

...erwarte, dass mit Beginn des neuen Schuljahres in den Sälen im Blickfeld der Schüler NUR das Führerbild zu hängen hat. Vollzugsbericht erwartet.“ ¹

Die Deutschen haben durch den Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg entfesselt. Fast alle Männer sind aus Selzen abgezogen. Die Hauptlast der Arbeit tragen die Frauen. Später werden ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, besonders Polen, Franzosen und Russen für die Arbeit herangezogen.

Bei der Pferdemusterung in Selzen müssen die besten Tiere an deutsche Offiziere abgegeben werden. ²

11 Jahre zuvor: Festumzug Turnverein 1928. ³

Fast alle Vereinstätigkeiten in Selzen ruhen.

Anordnung des Kreisschulamt Mainz an die Volksschule Selzen:

„Die Aufnahme des Seidenanbaus (für Fallschirme) in den Schulen ist eine Verpflichtung, der sich bei den bestehenden außerordentlichen Verhältnisse keine Gemeinde entziehen kann. Wo schon ertragsfähige Sträucher vorhanden sind, ist im Frühjahr 1940 mit der Seidenraupenzucht zu beginnen."

"Die Herren Schulleiter sind für die Durchführung persönlich verantwortlich. Fehlanzeigen werden nicht entgegengenommen.“ ¹

In Selzen werden auf dem Hasenrech Maulbeerbäume gepflanzt. Die Blätter, die Nahrung für die Seidenraupen, werden von den Schülern geerntet und in die Schule in der Kirchstraße gebracht. Dort im Speicher befindet sich die Seidenraupenzucht.

Zur Ergänzung der zum Wehrdienst einberufenen Männer wird in Selzen eine Frauen- und Mädchenabteilung mit dem verbliebenen Rest der Wehrmänner zum Brandschutz eingeteilt und eingesetzt. Zu den Einsätzen zählen später auch beschwerliche und gefahrenvolle Brandbekämpfungen in Mainz und den Vororten. ²

In der Gemeinde Selzen wird eine Brandwache eingerichtet. Die Brandwache soll von feindlichen Fliegern abgeworfene Brandbomben in den Getreidefeldern sofort bekämpfen. Das Wachlokal befindet sich in der "Schule" in der Kirchstraße. ²

Anordnung der NSDAP an die Volksschule Selzen:

„Die Lehrerschaft ist besonders darauf hinzuweisen, dass der Beitritt zur Hitlerjugend in diesem Jahr Pflicht ist, ...

und dass die Eltern darauf aufmerksam gemacht werden müssen, dass auch Mädel, die in den letzten Jahren aus irgendwelchen persönlichen Gründen nicht erfasst wurden, im Falle einer Weigerung gezogen werden und die Eltern bei Verweigerung polizeilich belangt werden können.“ ¹

Gefallen:

Otto Lotz. ⁴

Selzen hat 911 Einwohner. Trotz der vielen gefallenen und vermissten Soldaten in den folgenden Jahren wird die Zahl bis 1946 um 23% auf 1121 steigen. Grund für die starke Zunahme werden Vertriebene und vor Bomben aus den Städten Geflüchtete sein. ²


Anordnung des Reichsstatthalter in Hessen an die Volksschule Selzen:

"Es kommt immer wieder vor, dass Porzellandoppelglocken der Reichs-Telegraphen- und Fernsprechanlagen mutwillig zerstört werden. Auf dem Lande sind diese Anlagen besonders häufig Ziele für Steinwürfe der Schul- und älteren Sportjugend."

"Es wird sich empfehlen, auf die neuerdings erheblich verschärften Strafbestimmungen zum Schutze der Wehrkraft des Deutschen Volkes (...) hinzuweisen, die für solche Vergehen Zuchthausstrafe, in besonders schweren Fällen auch Todesstrafe vorsehen.“ ¹

Die vorläufig letzte Generalversammlung des Turnverein Selzen findet statt. ²

Rundschreiben des Kreisschulamt an die Volksschule Selzen:

"Mit der Heilkräutersammlung sind in diesem Sommer alle Schulen beauftragt. Sie beginnt sofort und soll monatlich mindestens zweimal von jeder Klasse des 4.-8. Schuljahres durchgeführt werden."

"Gesammelt werden in diesem Jahre folgende Arten:

Birkenblätter, Brennnesselblätter, Brombeerblätter, Erdbeerblätter, Hagebutten, Haselnussblätter, Maiblumenblätter, Erdrauchkraut, Kamillenblüten, Schlüsselblumenblüten, Quendel, Huflattigblätter, Huflattigblüten, Stiefmütterchenkraut, Odermennigkraut, Färderginsterkraut, Mutterkorn, Holunderblüten, Hohanniskraut mit Blüten, Schlehenblüten, Spitzwegerichblätter, Weißdornblüten mit Blätter, Zinnkraut und Lindenblüten." ¹

“Der Polizei-, Gemeinde-, Ortsgerichtsdiener und Wassermeister der Gemeinde Selzen, Christian Engelhardt, wird zur Wehrmacht einberufen. ²

Anordnung des Kreisschulamt Mainz an die Volksschule Selzen:

"Auf Grund einer Anregung des Stellvertreters des Führers weise ich darauf hin, dass die Einordnung außer der Ehe geborener Kinder in die Volksschulgemeinschaft ...

... grundsätzlich von deren rassischen und erbbiologischem Wert bestimmt wird und dass sich hiernach auch die erzieherische Behandlung dieser Kinder zu richten hat.“ ¹

Gefallen:

Georg Iriohn ⁴ war der zweite Kriegstote aus Selzen, er fiel am 10. Juni 1940. Einige Jahre zuvor kam er wegen öffentlicher Kritik zum widerholten Mal in Konflikt mit dem NS-Staat. Antworten in einem Fragebogen anlässlich einer Untersuchung bringen ihn uns etwas näher. Georg Iriohn war bereits 49 Jahre alt, als er sein Leben für den Staat ließ, der ihm 1931 seine Kriegsrente von 48 Reichsmark entzog. Im ersten Weltkrieg war er von 1914 bis 1918 an der Front, erlitt Schussverletzungen an Arm und Bein und erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. Er war verheiratet und hatte zum Zeitpunkt seines Todes 5 Kinder (18, 16, 12, 9 und 6 Jahre). ⁶

Anordnung des Kreisschulamt Mainz an die Volksschule Selzen:

"Der Verkauf von Speiseeis an Halbwüchsige und Kinder hat in den Städten Umfang und Formen angenommen, die aus erzieherischen und volkswirtschaftlichen Gründen eine Eindämmung nötig machen."

"Auch auf dem Land greift neuerdings die Sucht des Eisessens über, was besonders für die Kinder von gesundheitlichen und erzieherischen Standpunkt aus bedenklich erscheint.“ ¹

Anordnung des Landrat an die Volksschule Selzen:

"Das Oberkommando des Heeres gibt gemeinsam mit der Reichsverwaltung (...) die Schriftenreihe „Waffenhefte des Heeres“ heraus. (...) Vor allem aber wünschen das Oberkommando des Heeres und die Reichsverwaltung eine möglichst weite Verbreitung innerhalb der Schuljugend; ..."

"... denn Oberkommando und Reichsverwaltung sehen in der Herausgabe dieser Hefte ein wehrwichtige Propagandamaßnahme, die die Jugend in wehrfreudigem Sinne beeinflussen und sie für die einzelnen Gruppenteile begeistern sollen. Bei der Werbung sollen alle Jungen vom 11. Lebensjahr ab erfasst werden.“ ¹

Anordnung des Kreisschulamt an die Volksschule Selzen

„Der allgemeinen Pflicht der Beamten zu einem würdigen Verhalten in und außer Dienst kommt im Krieg eine besondere Bedeutung zu. Ein Verstoß gegen diese Verpflichtung kann ein besonders schweres Dienstvergehen darstellen."

"Ein solches Dienstvergehen liegt auch vor, wenn Beamte mit Personen polnischen Volkstums früherer polnischer Staatsangehörigkeit in geschlechtliche Beziehung treten.“ ¹

Der verordnete Judenstern führt die 1933 begonnene soziale Ausgrenzung, Diskriminierung und Demütigung der jüdischen Minderheit fort. Auch die jüdischen Mitbürger in Selzen müssen ihn tragen. Der gelbe Stern ist eine öffentlich sichtbare Maßnahme zur Durchführung des Holocausts.

Anordnung des Kreisschulamt Mainz an die Volksschule Selzen:

„Der Chef der Sicherheitspolizei (...) in Berlin teilt mit, dass die Reichsschrifttumskammer auf Veranlassung des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda sämtliche Schriften von Hans Schomburgk (Anmerkung von DerSelzer: „halbjüdischer“ Afrikaforscher und Pionier des deutschen Tierfilms) in die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums eingereiht hat, weil Schomburgk sich öffentlich in abfälliger Weise über den Führer und Reichsminister Dr. Goebbels geäußert hat.

"Daher wird gebeten zu veranlassen, dass sämtliche Schriften Schomburgks aus den Lehrer- und Schulbüchereien entfernt und vernichtet werden.“ ¹

Am 1. September 1941 wird Claus Selzner zum Generalkommissar von Dnjepropetrowsk ernannt und ist in dieser Funktion auch direkt für die Ermordung von 17.000 Juden verantwortlich. Welche Verbindung gibt es außer seiner Namensähnlichkeit zu Selzen? 1927 wurde Selzner zum Bezirksleiter der NSDAP für den Kreis Worms ernannt; vorrangige Aufgabe war der Aufbau von Ortsgruppen im ländlichen südlichen Rheinhessen. Als NSDAP-Redner nimmt Selzner in den Jahren 1929 und 1930 an insgesamt 38 NSDAP-Versammlungen teil. So auch am 04.06.1930 in Selzen, vor etwa 90 Besucher mit dem Thema „Die Idee des Nationalsozialismus“. ⁶

Anordnung des Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an die Volksschule Selzen:

„Die Zulassung von Zigeunerkindern, die die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besitzen und demgemäß nicht schulpflichtig sind, ist grundsätzlich abzulehnen."

"Soweit aus der Tatsache, dass diese Kinder nicht beschult sind, der öffentlichen Sicherheit und Ordnung Gefahren erwachsen, wird es Sache der Polizeiverwaltung sein, mit entsprechenden Maßnahmen, gegebenenfalls mit der Ausweisung gegen diese Elemente einzuschreiten.“ ¹

Gefallen:

Jakob Feldmann, Jakob Werle, Christian Laubenheimer, Martin Jungbluth, Jakob Becker. ⁴

Anordnung des Landrats vom Kreisschulamt an die Volksschule Selzen:

"Die in diesem Jahr kriegswirtschaftlich äußerst wichtige Hagebuttenernte ist in allen Schulen entsprechend den Anweisungen sofort durchzuführen. Ich werde mich bei meinen Dienstgängen davon überzeugen, dass keine Hagebutten ungeerntet bleiben.“

„Besonderer Wert ist der Sammlung von Lumpen, Knochen und Altpapier beizumessen. Es ist nach Vorschrift des Wehrwirtschaftsbezirks pro Schüler und Monat aufzubringen als Mindestmenge: Altpapier: 3 kg Knochen: ½ kg Lumpen: ¼ kg.“ ¹

Anordnung des Kreisschulamtes Mainz an die Volksschule Selzen:

"Zwecks Kohlenersparnis ordne ich im Einvernehmen mit der Landesregierung an, dass ab Montag, den 26 Januar 1942 sämtliche Volks- und Berufsschulen bis auf weiteres zu schließen sind.“ ¹

Die Bombardierung von Mainz beginnt und die betroffenen Bewohner suchen in den umliegenden rheinhessischen Dörfern Zuflucht. So finden sich auch zahlreiche Evakuierte aus Mainz in Selzen ein. ²

Anordnung des Reichsstatthalters in Hessen an die Volkschule Selzen:

„Die außerordentlich angespannte Versorgungslage mit Schuhwerk zwingt zu ganz besonderer Schonung der bei den Letztverbrauchern vorhandenen Schuhe.“

„Es ist durch eifrigste Propaganda bei der Schuljugend darauf hinzuwirken, dass Strümpfe und Schuhwerk während der warmen Jahreszeit durch Barfußlaufen eingespart werden."

„Über den Erfolg, der durch Strichprobe an einem warmen Tag festzustellen ist, ist (...) zu berichten." ¹

Amalie Mann (* 01.04.1866 in Selzen) wird am 27. September 1942 über Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 30. Oktober 1942 ermordet wird. ⁸


Ihr Stiefbruder Ferdinand Mann (* 02.06.1884 in Selzen) wird am 30. September 1942 über Darmstadt vermutlich in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Sein genaues Schicksal ist unbekannt. ⁸

Martin Niemöller (Führender Kopf der Versammlungen des kirchlichen Wiederstands,

u. a. im Selzer Pfarrhaus) nach seiner Befreiung 1946, rückblickend auf die Frage, warum seine Generation dagegen nichts getan hat:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Anordnung des Kreisschulamtes Mainz an die Volksschule Selzen:

„Nach den Erlassen (...) muss in jedem Falle eines Selbstmordes oder Selbstmordversuches eines Schülers dem Ministerium berichtet werden. Im Zuge der Verwaltungsvereinfachung hebe ich diesen Erlass auf.

„Dagegen ordne ich (...) an, dass mir zu berichten ist, wenn die Sachlage schulisch oder erzieherisch von größerer Bedeutung erscheint.“ ¹

Ein Selzer kommt in den Besitz zweier Grundstücke. 1950 muss er auf Grundlage der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts diese Grundstücke zurückgeben. Geklagt hatte u. a. eine nach der USA emigrierte Jüdin. ⁵

Anordnung des Reichsstatthalters in Hessen an die Volkschule Selzen:

„Die von dem Landesernährungsamt Hessen (...) herausgegebene Anordnung über die Abgabe von Obst und Gemüse von Erzeugern findet in der Bevölkerung nicht die gewünschte Beachtung. (...) man ergeht sich in abfälligen Äußerungen gegen die staatlichen und politischen Dienststellen, denen man die Schuld an der hin und wieder eintretenden Verknappung zuschiebt."

„Die ganze Art der Polemik lässt darauf schließen, dass eine geschickt geleitete Propaganda des Feindeslandes dahintersteckt.“ ¹

Anordnung des Kreisschulamt Mainz an die Volksschule Selzen:

„Die Hitler-Jugend hat als vornehmste Aufgabe die Sicherung des bäuerlichen Nachwuchses in den Ostgebieten übernommen. Jedes Jahr wird unter den zur Schulentlassung kommenden Jungen und Mädel für den freiwilligen Eintritt in den Landdienst (...) geworben. (...) die Werbung von Freiwilligen ist (...) mit allem Nachdruck zu betreiben. Anlässlich der nächsten Arbeitstagung der Schulleiter wird Kamerad Weinheimer – Nierstein über die Aufgaben und Einrichtungen des Landdienstes nähere Ausführungen machen.“ ¹


Die in der Anordnung erwähnte Arbeitstagung hat Folgen für den Schulleiter der Volksschule Selzen. Bei dem Vortrag über den Landdienst in Ostgebieten, bei dem 14-jährige Schulabgänger als Landwirte in eroberten Ostgebieten zwecks Arisierung angesiedelt werden sollen, erhebt sich Georg Keller (Bild ³), seit 1933 Lehrer in Selzen, und widerspricht. Die Kinder seien dafür nicht reif. Er verlässt die Sitzung vorzeitig. Kaum Zuhause wird er von einem Lehrerkollegen gewarnt. Er müsse Vorkehrungen treffen, denn der bei der Tagung anwesende Reichsstatthalter Jakob Sprenger habe nach seinem Namen gefragt.

Georg Keller sucht sofort das Gespräch mit Bürgermeister Simon, der ihm zu verstehen gibt, dass er dem Konzentrationslager nur entgeht, wenn er sich als Freiwilliger zur Front meldet. Noch am Abend verabschiedet er sich von seiner Familie.

Georg Keller wird als Sanitäter nach Stalingrad geschickt und kann mit einem der letzten Verletztentransporte dem Kessel entkommen. Zurück nach fünf Jahren Krieg und russischer Gefangenschaft wird er noch bis 1957 in Selzen unterrichten.

Gefallen:

Otto Braun, Heinrich Binzel, Hans Schmittle, Johann Stärk. ⁴


Die knappe Lebensmittelversorgung regelte man auch in Selzen mit Karten und Bezugsscheinen, welche aber voranging an Parteimitglieder ausgehändigt werden.

Joseph Goebbels ruft am 18. Februar 1943 in einer Rede im Berliner Sportpalast den totalen Krieg aus. In Selzen werden jetzt auch die Männer die bisher als unabkömmlich betrachtet wurden an die Front geschickt.

Zwei der drei Glocken von 1887 aus dem evangelischen Kirchturm werden abgehängt (Bild ³) und zur Einschmelzung nach Hamburg gebracht. Allerdings kommt es nicht mehr dazu, so dass sie beschädigt wieder zurückkehren. Aus dem Metall entstehen 1950 neue Glocken für Selzen. Mehr dazu siehe hier.

Ein Selzer findet ein herrenlose Fahrrad an der Selz. Auf das Fahrrad angesprochen antwortet er:

"Das Rad ist schwarz, so schwarz wie die Zukunft Deutschlands".

Er entgeht nur knapp der Verhaftung und Verschleppung in ein Konzentrationslager.

Gefallen:

Wilhelm Penzer, Balthasar Götter, Otto Seemann, Jakob Wolf, Josef Sladek. ⁴


Vermisst:

Heinrich Werle, Jakob Binzel, Walter Penzer, Heinrich Jung, Emil Götter, Hans Best, Ewald Maul, Hermann Kissinger, Wilhelm Steib, Herbert Rieß. ⁴


Mehr als 200 Evakuierte aus Mainz müssen untergebracht und versorgt werden. Die "Evakuierten" konnten nicht selten erst nach Jahren ihre notdürftigen Quartiere in Selzen verlassen und in ihre Heimatorte zurückkehren.

Fast hat es nun auch den nationalsozialistischen Bürgermeister selbst getroffen. Entsprechend einer Verfügung des Reichsjustizministeriums ist der Gauleiter über Beschuldigungen gegenüber politischen Leitern zu informieren. Jetzt erhält er die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen den NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Jakob Simon (Bild), Selzen, wegen Zersetzung der Wehrkraft. ⁶

Ein 50-jähriger Selzer hat weniger Glück oder schlechtere Beziehungen. Er wird durch die Generalstaatsanwaltschaft wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt. Straftäter ist, wer „den Willen des deutschen oder verbündeten Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht.“ Überhaupt gibt es kaum eine kritische Äußerung, die nicht in diesem Sinne als Wehrkraftzersetzung gedeutet werden, und damit zum Todesurteil führen konnte. ⁶

Gefallen:

Robert Binzel, Erwin Kissinger, Gregor Moninger, Johann Bingenheimer, Karl Geil, Karl Seemann, Otto Schmidt, Jakob Heß, Georg Steib, Georg Schönhals, Karl Kissinger III, Karl Kissinger, Philipp Lahr, Mathias Bremler. ⁴


"Ich muss leider die traurige Pflicht erfüllen und Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann (...), auf dem Feld der Ehre gefallen ist. (...) Gegen 6 Uhr morgens durchschlug ein feindliches PaK-Geschoss die Barrikade und verletzte Ihren Gatten durch Kopfverwundung tödlich. Jede Hilfe war zu spät, er war sofort tot. (...) So traurig wie es für Sie ist, so stolz sind wir auf Ihren Mann. (...) Er fiel im Glauben an ein besseres, freies Deutschland und für unsere geliebte Heimat und seinen Führer."

Mitunter zynisch lesen sich die Nachrichten über die sogenannten "Heldentode". Die wahren Todesumstände sollen möglichst abgemildert werden und tröstlich sein. Deshalb enthalten die Todesnachrichten Formulierungen wie »er hat nicht gelitten« oder »er starb durch einen Kopfschuss«, was leider sehr häufig nicht der Wahrheit entspricht


Vermisst:

Rudolf Leubner, Herbert Kissinger, Gottfried Hermann, Wilhelm Bloos, Wilhelm Kissinger, Georg Dittewig, Jakob Seemann, Karl Binzel, Hans Windisch, Johann Kuballa, Alfred Kissinger, Georg Kissinger. ⁴


Am 9. März trifft eine Fliegerbombe Hahnheim. Drei Menschen sterben und zahlreiche Gebäude werden beschädigt.

Der jüdische Friedhof in Hahnheim wird weitestgehend zerstört. Die Grabsteine werden abgeräumt und zum Bau einer Panzersperre missbraucht.

Am 17. März versucht eine kampfstarke deutsche Flakeinheit in Ebersheim in Stellung zu gehen, um vorrückende amerikanischen Panzer abzuwehren. Ebersheimer Landwirte stellen ihr letztes Benzin zur Verfügung und die Flakeinheit wechselt nach Hahnheim. ¹⁰

Dort befiehlt ein SS-Offizier das sofortige Entfernen der weißen Fahne am Angelbaum und erklärte Hahnheim zur „Festung“. Die Einheit liefert den Amerikanern zwei Tage lang den letzten und so sinnlosen rheinhessischen Abwehrkampf.

Weil ihr Offizier nicht kapitulieren will, sterben zehn Deutsche der Flak-Einheit und sechs Hahnheimer Bürger, darunter auch zwei Kinder.

Am Ende der Kämpfe liegt Hahnheim zur Hälfte in Trümmern. ¹¹

Schwester Marie sorgt, als im Raum Selzen noch gekämpft wird, für die Bestattung der toten Soldaten. Später wird sie für ihr Wirken in Selzen den „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“ erhalten. ²

Gefallen:

Georg Berz, Adam Kissinger, Karl Ludwig Kissinger, Johann Raab. ⁴


Vermisst:

Valentin Ganßmann, Anton Stang, Kurt Jakob Kissinger, Heinz Göttelmann, Franz Krost, Fritz Seemann. ⁴


Wohl in Gefangenschaft gestorben:

Albert Kissinger, Anton Blechl, Johann Kissinger, Willi Andreas, Karl Bingenheimer, Alois Becker. ⁴

Selzen ist befreit und die Zukunft muss gestalten werden. Noch vor der bedingungslosen Kapitulation am 08.05.1945 wird in Selzen am 09. April ein unbelasteter Bürgermeister gesucht. In Abstimmung mit der Besatzungsmacht fällt die Wahl auf Christian Siegel (Bild). In späteren Wahlen wird er bestätigt werden und bis 1969 die Geschicke von Selzen bestimmen. 1967 erhält er als "Mann der ersten Stunde" die Freiherr-vom-Stein-Plakette". ²

Freiwillige die dem Ruf des Bürgermeisters folgen, bilden den ersten Gemeinderat bis zur Kommunalwahl 1946. Christian Siegel, Philipp Krebs, Heinrich Jung, Philipp Andreas, Albert Schätzel, Friedrich Zimmermann, Albert Binzel und Johann Solms helfen Selzen das schwierige Nachkriegsjahr zu überstehen. ²

Pfarrer Friedrich Heinzerling (Bild) wird noch bis 1959 Pfarrer von Selzen sein. Unter ihm waren die Kirche und das Pfarrhaus Selzen zwischen 1933 und 1945 Zentren des Kirchenkampfes. Sein Name und der seiner Pfarrei werden ihren Klang behalten als Symbol christlichen Wiederstands gegen den Ungeist des Dritten Reichs.

Nachsichtig wird er später über die Selzer sagen:

"… nur wenige ganz fanatische Nationalsozialisten unter der Menge, aber manche Gutgesonnenen und Idealisten, die das Spiel nicht durchschaut haben“. ²


Quellen:

¹ Aus den Gesammelte Verfügungen an die Volksschule Selzen, von 1933 bis 1942, Archiv der Gemeinde Selzen

² Vgl. Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, von 1982

³ Vgl. Bildband "Selzen - Bilder aus vergangenen Tagen 1900 - 1945", von 1989

⁴ Vgl. Namensliste Ehrenmal auf dem Friedhof Selzen

⁵ Vgl. Landesarchiv Speyer, Bestandsübersicht nach Suche "Selzen 1932 bis 1956"

⁶ Vgl. Hessisches Landesarchiv, Onlinerecherche in Arcinsys, Bestandsübersicht nach Suche "Selzen 1932 bis 1946"

⁷ Vgl. Seite „Martin Niemöller“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 26. Juli 2020. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Martin_Niem%C3%B6ller&oldid=202231598

⁸ Vgl. Walter Schwamb, "Die jüdischen Bewohner der Selztalgemeinden und ihrer Nachbardörfer - Ihre Schicksale", von 2012

⁹ Vgl. Festschrift zur Wiedereinweihung des Evangelischen Gemeindehauses, 2008

¹⁰ Vgl. Seite "Ebersheimer Geschichte", URL: http://www.ebersheimer-geschichte.de/inhalt_ereignisse_kriegsende.html

¹¹ Vgl. Seite Regionalgeschichte.net, hahnheim, https://www.regionalgeschichte.net/rheinhessen/hahnheim.html




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