• Stefan Bremler

Reine Ansichtssache

Ansichtskarten von Selzen im Laufe der Zeit.


Die Anfänge deutscher Ansichtskarten (eine Postkarte mit Bilddruck auf der Rückseite) liegen tatsächlich in Rheinhessen.


Von Westhofen nach Offstein


"Die erste ganzseitig bebilderte deutsche Karte, die ohne Umschlag verschickt wurde, stammt nach heutiger Kenntnis von 1866. Sie enthält eine Einladung zur Treibjagd, stammt vom Lithografen Wilhelm Schneider aus Worms und ist postalisch gelaufen am 5. Dezember 1866. Diese auf hellgrünem Karton gedruckte Karte lief von Westhofen nach Offstein mit zwei 1-Kronen-Freimarken."¹


"Ab 1871 verkaufte die Post Ansichts- und Glückwunschpostkarten. Seit dem 1. Juli 1872 wurden in Deutschland zudem private, nicht von der Post hergestellte Motivpostkarten zugelassen. Von einem zaghaften Beginn einer Ansichtskartenbranche kann ab etwa 1885 gesprochen werden."¹


Und nur wenige Jahre später hatte auch Selzen seine erste Ansichtskarte (AK).


Ansichtskarten aus dem 19 Jahrhundert


Die ersten Karten sind Lithografien. Dies ist eine alte, aufwändige Drucktechnik. Bei mehrfarbigen Lithografien werden verschiedene Farbschichten übereinander gedruckt. Es wurden meist zwei oder mehrere Einzelbilder eines Ortes um eine Totalansicht gruppiert. Lithografien sind häufig mit Ornamentik, Rähmchen, Ranken, Blumen oder Blättern verziert. Typisch für topografische Lithografien ist ein Schriftzug auf der Bildseite mit Ortsnamen: Gruß aus … ¹

"Da muss ich unbedingt mal hin."

Abgeschickt: 1899 und 1907

Zu sehen sind: Dorfpanorama, (damals) neue Schule in der Kaiserstraße, katholische Kapelle bzw. Kriegerstein. Möglicherweise gab es sogar noch weitere alternative Motive.

Eine wunderschöne Lithografie (wie zur damaligen Zeit sehr verbreitet). Im Hintergrund ist die neue Bahn zu sehen, die zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Jahren besteht. Zugegeben .. alles ist etwas schöner als im Original dargestellt. Der Kriegerstein steht scheinbar vollkommen frei und der Platz vor der Schule ist - gefühlt - nur knapp kleiner als der rote Platz in Moskau.


Vor dem ersten Weltkrieg


Die Ära der Lithografien kam leider etwa um 1906 zu einem fast abrupten Ende. Nach dieser Zeit ist auch ein relativ deutlicher Wechsel im Stil der Ansichtskarten feststellbar, weil zu der Zeit der Jugendstil sich seinem Ende zuneigte.¹ Realistische ungeschönte Fotografien in Schwarz-Weiß sind jetzt das Maß der Dinge.

"Das ist die harte Realität ... aber es gibt Kneipen, die es ertragen helfen"

Hergestellt/Abgeschickt: 1909 und 1914

Zu sehen sind:

AK1: Wirtschaft von Chr. Binzel in der Gaustraße, Kriegerstein, Neue Schule (hier Postamt bezeichnet), Ev. Kirche. Also wenn man so will ... das ganz Leben eines Mannes auf einer Karte: Taufe, Schule, Gastwirtschaft, Krieg und Tod.

AK2: Ortspanorama mit Kirchen und "Sporebaum", Handlung von Aug. Kissinger in der Oppenheimer Straße, Gasthaus zum Schützenhof in der Domhofstraße. Die katholische Kapelle noch mit Dachreiter und Gauben.


Man hat das Gefühl, die Abbildungen von Gaststätten sollen die Karten etwas einladender machen ... es gelingt nur mäßig.


Zu Zeiten der Alliierten Rheinlandbesetzung 1918 bis 1930


Da es noch keine echte Farbfotografie gibt, werden die Karten jetzt des Öfteren – teils mit Schablonen – von Hand nachkoloriert.

"Salut à la maison de Selzen."

Abgeschickt: 1918, 1919, 1920

Es gibt unterschiedliche Ausführung, die Motive jedoch wiederholen sich immer wieder.

Zu sehen sind: Ortspanorama, Gaustraße und „Gussepump“ an der Ecke Tränkgasse, Kapellenstraße, Selzbach, Kaiserstraße und Schulhaus in der Kirchstraße.

Die Gänse in der Gaustraße hätten heute eine maximale Überlebensrate von 0,3 Sekunden.

Viele dieser noch existierenden Karten wurden von in Selzen einquartierten französischen Soldaten in ihre Heimat geschickt.


Beim Nachkolorierten werden auch schon mal ganz Pferdegespänne und Bewohner übermalt, wie in der Kapellenstraße. Und manchmal haben die in der Ferne nachkolorierten Bilder nichts mit der Wirklichkeit zu tun. So wird der rote Klinker des Schulhause grau und das Dach der Kirche einheitlich rot. Naja, wer hat auch schon eine Kirche mit zwei unterschiedlichen Dächern?


Vor dem zweiten Weltkrieg


Die Qualität der Schwarz-Weiß-Fotografien steigt. Das nachfärben ist zu aufwendig und wird zunehmend eingestellt.

"Klar und scharf ... aber mit einer bildlichen Vorahnung auf das kommende."

Zu sehen sind:

Ortspanorama von Hahnheim aus, Gaustraße (von Ecke Kaiserstraße und Ecke Kapellenstraße), Evangelische Kirche, Kaiserstraße mit alter Schmiede, Domhofstraße und alte Schule.

Alle drei Karten weisen auf der Rückseite nicht nur auf den Hersteller hin, sondern auch auf den Verkäufer Wilhelm Kissinger, Gemischtwarenhandlung Selzen.


Kurz nach dem Weltenbrand


Eine Ansichtskarte mit alten Bekannten (Bilder) wird 1951 verschickt.

Sie hatte wohl länger in einer Schublade gelegen. Die Provinz Rheinhessen war am 1. April 1937 aufgelöst und - wie hieß es so schön - "gleichgeschaltet" worden.

Und wieder ist der Absender ein Franzose im besetzten Deutschland.

So ist das, wenn man aus Geschichte nichts lernt.

Der Aufbau nach dem Krieg


Der Aufbau und Aufbruch ist auch an den Ansichtskarten erkennbar. Selzen verändert sein Gesicht und neue "Sehenswürdigkeiten" gibt es zu bestaunen.

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." (Hermann Hesse)

Zu sehen sind: katholische Kapelle, Schulhaus in der Kirchstraße, Rathaus und evangelische Kirche mit altem Friedhof.


Die Kapelle hat ihre Dachgauben verloren und sollte auch noch 1969 ihren Dachreiter verlieren. Das 1959 umgebaute Schulhaus ergänzte das Schulhaus in der Kaiserstraße und half die großen Schülerzahlen unterzubringen. Dort wo die alte Schmiede stand (siehe oben), steht jetzt das neue Rathaus von 1954. Die rechte Ansichtskarte (Verkauf durch Luzie Kissinger, Herde und Öfen, Gaustraße 32) ist mit ihren asymmetrischen Rahmen ein Vorgeschmack auf die Ansichtskarten-Mode der kommenden Jahre.


Die goldenen 70-er Jahre


"Wir gedenken unseren Gefallenen, wir haben eine imposante Kirche, eine neue Schule .... und wir haben - ja genau - die Jahnstrasse!"

Verschiedene Ansichtskarten mit immer gleichen Motiven. Zu sehen sind:

Ehrenmal auf dem neuen Friedhof, neue Schule Hahnheim/Selzen, evangelische Kirche und immer wieder die Jahnstrasse.


Das war ein kurzer Abriss über die Geschichte der Selzer Ansichtskarten.

Bleibt mir nur zu enden mit dem Werbespruch der Deutschen Post von 1982:

"Schreib mal wieder!"

Quellen:

¹ Vgl. Seite „Ansichtskarte“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 15. Juli 2019, URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ansichtskarte&oldid=190450448

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