• Stefan Bremler

Selzen 1906

Selzen im "Landes-Adressbuch für das Großherzogtum Hessen", II. Band: Provinz Rheinhessen.


Ja, das Jahr 1906 könnte mein historisches Lieblingsjahr werden. In dem Blog-Beitrag

"Die historische Kneipentour: Vom Hunnental zum Schützenhof" (Link) habe ich bereits virtuell die Kneipen, Wirtschaften und Gasthäuser im Selzen von 1906 besucht."


Das Google der Jahrhundertwende


Im gleichen Jahr ist das "Landes-Adressbuch für das Großherzogtum Hessen", II. Band: Provinz Rheinhessen" erschienen.

Sozusagen der frühe Vorläufer des Telefonbuchs, allerdings mit nur ganz wenigen Telefonnummern. Eher ein Adressbuch, allerdings zum größten Teil auch ohne Straßenangaben.

Na gut, zugegeben, den Nutzen können wir uns heute nicht mehr so recht vorstellen. Aber trotzdem ist es bewundernswert, welche Datenmengen damals zusammengetragen wurden. Das Buch hat 1.051 Seiten.

Das Landes-Adressbuch von 1906. Und auch damals schon: Werbung auf dem Buchumschlag. Und wir stellen fest: Seitenbacher hat die nervige Wiederholung in der Werbung nicht erfunden!

Die Joh. Conr. Herbert'sche Hofbuchdruckerei meint im Vorwort:

"Das nun in seinem I. und II. Band vorliegende Werk ist das Ergebnis außerordentlich mühevoller und langwieriger Arbeit. Wir haben alles aufgeboten, die uns gestellte Aufgabe in möglichst zweckentsprechender Weise zu lösen. Wenn die Ausführung trotzdem vielleicht manchen Wunsch nicht völlig befriedigt, so dürfen wir auf die großen Schwierigkeiten hinweisen, die mit der Bearbeitung eines so großen Materials naturgemäß verbunden sind und unter Berufung auf unsern guten Willen um eine nachsichtige Beurteilung bitten." ¹


Ich habe Nachsicht und mir die zwei Selzer Seiten ganz genau angesehen.


Zwischen den Zeilen


Zunächst werden im Buch einige Informationen über das Dorf gegeben. Ich habe mir erlaubt, diese durch Hinweise aus zeitgleich erschienenen Druckwerken zu ergänzen.

1906 hat Selzen 195 bewohnte Häuser und 901 Einwohner. Die Gemarkung ist 666 Hektar (ha) groß und besteht aus 505 ha Acker, 23 ha Wiesen, 114 ha Weinberge und 6 ha Hofreiten. ¹


Es wurde nur Weißwein angebaut. Zu 80% Östreicher und zu je 10% Riesling und Portugieser. Der durchschnittliche Ertrag betrug 4.700 Hektoliter. Die bekanntesten Lagen waren Eichelstein, Höhenberg, Gottesgarten, Fosloch, Schäfer, Platte, Rosengarten, Osterberg, Kittel, Hölzenkopf und Wagenkehr. ²

Die Schule zählte 154 Kinder und hatte zwei Klassen und zwei evangelische Lehrer! ³

Selzen hat eine Bahnstation, eine Post, ein Telegraph und öffentliche Fernsprechstelle.

Die öffentliche Fernsprechstelle ist auch die einzige Telefonverbindung in Selzen. Selbst in Mainz gab es zu dieser Zeit nur 3.384 Fernsprechstellen.


Die Vereine und Genossenschaften sind: Kriegerverein, Soldatenverein "Vaterland", Gesangverein Frohsinn, Männergesangverein, Turnverein, Landwirtschaftlicher Konsumverein, Rindviehversicherungsverein und Spar- und Darlehenskasse. ¹


Natürlich hatte Selzen auch eine Kasinogesellschaft. Äh ... gut, ich gebe zu, ich mußte das bei Wikipedia nachschlagen.

"Kasinogesellschaften wurden nach der bürgerlichen Revolution in Frankreich als gesellschaftliche Vereine gegründet. Meist stellten sie einen Zusammenschluss der männlichen Vertreter der bürgerlichen Oberschicht dar und dienten der Freizeitgestaltung. Oft versammelte man sich in einem Stammlokal um einen Billardtisch. Neben Billard- und Kartenspiel diskutierte man die neuesten Nachrichten. ⁴ Mmh ... guter Name und gute Umschreibung für zünftige Männer-Trinkgelage.


Was kann uns darüberhinaus eine Namensliste von 1906 über die Zeit erzählen?

Ich denke eine Menge, auch wenn die Liste natürlich nur die Familienoberhäupter enthält und die Vollständigkeit fraglich ist. Die nachfolgende statistische Auswertung und Kommentare beziehen sich nur auf die Selzer Liste. Diese könnte aber durchaus repräsentativ für die 901 Dorfbewohner gewesen sein.


Die Ehefrau des toten Mannes

Deutlicher lässt sich die Stellung der Frau in der Familie und Gesellschaft nicht ablesen. Auch nach dem Tod des Ehemannes bleibt seine Frau nur "die Witwe von ...".


Die Bruchbuden


Neben den Frauen fehlen für Selzen auch die Straßennamen in dem Adressbuch. In Selzen und den Dörfern Rheinhessens benutze man die älteste Methode der flächendeckenden Hausnummerierung: das System der Konskriptionsnummern.

Dabei wurden die Häuser einer Ortschaft zunächst komplett durchnummeriert. Anschließend erhielten alle neuen Gebäude in der Reihenfolge ihrer Errichtung eine fortlaufende Nummer. ⁵


Bei einer Grundstücksteilung, bei der Schließung von Baulücken oder wenn auf einem Grundstück ein weiteres, vom Hauptgebäude unabhängiges Haus entstand wurden die Nummern mit Zusätzen ergänzt. ⁵ Hierbei wurden Bruchzahlen verwendet. So wohnte in Selzen 1906 der Briefträger Ludwig Schirmer im Haus 177 5/10. Das gibt dem Begriff Bruchbude eine ganz neue Bedeutung.

Erst später stellten die Ortschaften ihr System auf die straßenweise Nummerierung um.


Jeder vierte Selzer hieß Binzel oder Kissinger

Auffällig ist, dass es im Dorf 1906 nur relativ wenige Nachnamen gibt. Die Namen Binzel und Kissinger sind auch heute noch dominierend. Allerdings dürfte inzwischen der Name Kissinger die Spitzenposition eingenommen haben. Alteingesessene Nachnamen wie Bingenheimer, Güldner oder Weiffenbach sind dagegen fast ganz verschwunden.


Auch 23 Päpste hießen Johannes

Häufige Nachnamen in Kombination mit immer den gleichen Vornamen. Da ist das Problem natürlich vorprogrammiert. Wie kann ich nur all die Binzel und Johannes unterscheiden? Aber das Problem hatte ja nicht nur Selzen.


Verordnung, die Bezeichnung gleichnamiger Ortsbürger betreffend


Anfang des 19. Jahrhunderts war die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt mit bedeutenden Gebietsgewinnen wie Rheinhessen, zum Großherzogtum Hessen angewachsen. Mit dem Aufbau einer systematischen Steuerverwaltung ergab sich die Herausforderung, Steuerforderungen eindeutig Steuerpflichtigen zuzuordnen. Dies war bei gleichnamigen Personen schwierig. Auch reichte es nicht aus, den Personen- und den Ortsnamen zusammen zu nutzen, da auch in einem Ort mehrere Personen den gleichen Namen haben konnten


Die „Verordnung, die Bezeichnung gleichnamiger Ortsbürger betreffend“ vom 27. November 1832 regelte daher, dass jeder Bürger, der einen Namensvetter hatte, mit der Eintragung ins Steuerregister eine fortlaufende Nummer erhielt, die lebenslang bestehen blieb. Mit dem Tod wurde diese Nummer für zehn Jahre gesperrt (später 30 Jahre) und erst dann wieder vergeben. Die Nummer wurde in Form einer römischen Ziffer dem Nachnamen in amtlichen Registern und Urkunden angehängt.


Solange die Bürger im Ort blieben ging das gut, aber was ist bei einem Umzug? In Bekanntmachungen von 1850 und 1862 mussten daher noch Details nachgeschoben werden. Einfacher wurde es aber nicht. Bei einem Umzug sollte der Bürger in der neuen Gemeinde ggf. eine neue Nummer bekommen. So sollte die Nummer im bisherigen Ort für alle Angelegenheiten dort (z. B. im Grundbuch) weiter verwendet werden, die neue Nummer jedoch für die Angelegenheiten im neuen Ort.


Dem unterschiedlichen Rechtsstatus von Männern und Frauen in jener Zeit entsprechend, finden sich die Namensbeizeichen nur bei männlichen Personen, gleichnamige Frauen werden über die Nennung der Väter oder Ehemänner

identifiziert. ⁶



LUDWIG II. von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen und bei Rhein ec. ec.:


"In vielen Gemeinden des Landes hat bisher der Gebrauch bestanden, daß gleichnamige Personen, nämlich solche, welche die nämlichen Vor- und Zunamen führten, mit Zahlen I., II., III., u. s. w. oder auch mit alt oder jung bezeichnet zu werden pflegten, und diese Bezeichnung wechselten, so oft durch einen Todesfall eine Veränderung in der Zahl oder sonst sich ergab. Hierdurch sind häufig in den Hypothekenbüchern, Contraetenprotocollen, Steuercontrolen ec. Irrthümer und Mißverständnisse, und, als deren Folge, processualische Weitläufigkeiten entstanden, zu deren Hebung für die Zukunft Wir Folgendes, in Gemäßheit des Art. 73 der Verfassung, landesherrlich verordnen:"

Art. 1:

Die Bezeichnung von gleichnamigen Personen in der nämlichen Gemeinde durch alt u. jung und alle andere ähnlicher Art sollen hierführo in öffentlichen Verhandlungen nicht mehr geduldet, sondern alle gleichnamigen Personen durch fortlaufende Zahlen bezeichnet werden.

Art. 2:

Die Zahl, welche eine gleichnamige Person einmal hat, kann, so lange sie lebt und in der nämlichen Gemeinde bleibt, nicht mehr verändert werden, wenn gleich Personen, welche frühere Nummern hatten, mit Tode abgegangen oder aus der Gemeinde weggezogen sind.

...

Art. 4

Eine durch den Tod einer gleichnamigen Person eröffnete Nummer darf erst nach Verlauf von zehn Jahren in derselben Gemeinde bei demselben Namen wieder gebraucht werden. Nach Ablauf dieses Zeitraums wird stets zur jüngsten vacanten Nummer zurückgegriffen.

...

Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und des hier aufgedrückten Staatssiegels.

Darmstadt am 27. November 1832


Und in Selzen sah das dann so aus.


Ich zähle bis Zehn

Um die lästige Nummerierung zu verhindern, war der zweite Vornamen schwer im Kommen. Aber das nutzt natürlich nichts, wenn auch der - wie bei Georg Michael Binzel - zweimal vergeben wird. Allerdings merkte man schnell den Vorteil eines zweiten Vornamens. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die ihren zweiten Vornamen in der abgekürzten Form einsetzen, von ihren Mitmenschen unbewusst als intelligenter eingestuft werden. Aber noch war in Selzen in den meisten Fällen ein Unterscheidungsmerkmal nötig.


Das Handwerkerparadies Selzen

Viel variantenreicher war man bei den Berufen. Das mag auch heute noch so sein, nur erbrachten all diese Handwerker, Unternehmer und Händler ihre Dienstleistung vor Ort. Selzen war vollkommen autark und konnte die Bedürfnisse der Bürger aus den eigenen Reihen befriedigen.


Die Gelbe Seiten von 1906


Ja, das Landes-Adressbuch hatte sogar ein nach Branchen sortiertes Kapitel. Allerdings waren dort die Selzer Dienstleister noch nicht vertreten. Dafür ein paar Anzeigen von regionalen Firmen, die vielen noch ein Begriff sein dürften: ¹


Zum Abschluss sage ich analog zum Vorwort im Landes-Adressbuch:

Der nun vorliegende Text ist das Ergebnis außerordentlich mühevoller und langwieriger Arbeit. Ich habe alles aufgeboten, die mir selbst gestellte Aufgabe in möglichst zweckentsprechender Weise zu lösen. Wenn die Ausführung trotzdem vielleicht manchen Wunsch nicht völlig befriedigt, so dürfen wir auf die großen Schwierigkeiten hinweisen, die mit der Bearbeitung eines so alten Materials naturgemäß verbunden sind und unter Berufung auf meinen guten Willen um eine nachsichtige Beurteilung bitten.

Stefan F. Bremler



Quellen:

¹ Vgl. Landes-Adressbuch für das Großherzogtum Hessen", II. Band: Provinz Rheinhessen, 1906, Koblenz, Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, 2015 URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/titleinfo/1365533

² Vgl. Die Rheinweine Hessens; Weinbauverein der Provinz Rheinhessen; Verlag von Zabern, 1910, Seite 162, Mainz, Stadtbibliothek Mainz, 2017

URL: https://www.dilibri.de/stbmz/content/pageview/1908462?query=1910%20wein

³ Vgl. Karl Johann Brilmayer, Rheinhessen in der Vergangenheit und Gegenwart, 1904, Seite 413

⁴ Vgl. Seite „Casinogesellschaft“ in Wikipedia, die freie Enzyklopädie, 30. Oktober 2019, URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Casinogesellschaft&oldid=193603279

⁵ Vgl. Seite „Hausnummer“ in Wikipedia, die freie Enzyklopädie. 8. Dezember 2019, URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hausnummer&oldid=194748275

⁶ Vgl. Seite „Verordnung, die Bezeichnung gleichnamiger Ortsbürger betreffend“ in Wikipedia, die freie Enzyklopädie. 1. Juni 2019, URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Verordnung,_die_Bezeichnung_gleichnamiger_Ortsb%C3%BCrger_betreffend&oldid=189153036

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