• Stefan Bremler

Vom Löschteich zum Rinnsal

Der Langenbach: Der alte Selzer Dorfgraben damals und heute - fotografiert von der "Quelle" bis zur Mündung


Die namensgebende Selz hat das Leben in unserem Dorf schon immer geprägt. Von den ersten nachgewiesenen Siedlungen der Hinkelsteinkultur im 5. Jahrtausend vor Christi bis heute.


Gerne vergessen wir dabei, dass auch ein kleiner Zufluss zur Selz eine wichtige Rolle in der Entstehung und Entwicklung unserer Dorfgemeinschaft hatte. Der Langenbach, auch Langenbacher Graben oder Schlaggraben genannt.


Der Start: Es ist noch ein langer weg bis Selzen


Der achtzehnte Zufluss


Die Selz ist ein 61 km langer, südlicher und linker Nebenfluss des Rheins und eines der Hauptgewässer in Rheinhessen. Sie fließt im Rheinhessischen Tafel- und Hügelland in Rheinland-Pfalz durch den Donnersbergkreis, den Landkreis Alzey-Worms und den Landkreis Mainz-Bingen. ¹


Auf dem Weg von Orbis nach Frei-Weinheim münden insgesamt 41 offizielle Zuflüsse in die Selz. In und bei Selzen sind dies der Mörtelgraben (Reizengalgenbach), der Sandgraben und als achtzehnter Zufluss, der 0,97 km lange Langenbacher Graben. Letzterer ist weder ungewöhnlich lang (auch wenn der Name anderes vermuten lässt), noch hat er mit 1,82 km² ein besonders großes Einzugsgebiet. ¹ Was den Langebach für Selzen so besonders macht ist, dass er Selzen im alten Ortskern mittig von Osten nach Westen durchfließt.


Immer gerade aus. Selzen nähert sich


Fließendes Wasser frei Haus


In der Gemarkung „Am Langenbach“ (früher „Auf dem Kleinfeld“), also unweit des Langenbacher Graben wurden unterirdische Mauerrest gefunden, die auf eine römerzeitliche Siedlungsstelle („villa rustica“) schließen lassen. ² Als „villa rustica“ bezeichnet man ein Landhaus oder Landgut im Römischen Reich. Es war Mittelpunkt eines landwirtschaftlichen Betriebs und bestand neben dem Hauptgebäude aus Wirtschafts- und Nebengebäuden, die meist innerhalb eines ummauerten Hofes standen. ³


Doch nicht nur die Römer nutzen das Wasser. Auch das später aus drei Siedlungskernen zusammenwachsende Dorf wusste um den Wert des kleinen Baches, der in früherer Zeit mehr Wasser geführt haben dürfte und natürlich noch nicht begradigt war.


Die Dorfgrenze ist erreicht und dann es geht parallel der Dorfgrabenstraße


Der Dorfgraben


Denkbar ist, das vom Hügel herabfließende Wasser auch in den Dorfgraben und somit hangabwärts um das Dorf geleitet werden konnte. Dieser „nasse Graben“ schützte jahrhundertelang zusammen mit Friedhofsmauer, Aufschüttungen und dichten Bewuchs aus Ulmen und Hecken das Dorf vor unerwünschten Eindringlingen. ⁸ Die Dorfgrabenstraße verdankt diesem „Bauwerk“ seinen Namen. Auch der Langenbacher Graben wird selbst mitunter Dorfgraben genannt.


Oppenheimer Straße und Lattengasse werden unterquert


Weed oder Woog?


Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgte wohl der Abbruch der Pforten und die Schleifung der Ortsbefestigung. ⁸ Spätestens jetzt erhielt der Langenbach eine neue Funktion. Alte Dorfpläne von 1823 und 1859 zeigen in der Dorfmitte einen von ihm gespeisten Teich. An dessen Stelle in der heutigen Kaiserstraße sollte dann 1894 das neue Schulhaus entstehen. Der „Lehrer und Selzer Ehrenbürger Wilhelm Wagner schrieb dazu 1982: „Es (das neue Schulhaus) steht mitten in der „Weed“, einem früheren Gänse- und Ententeich …“. ⁴

Der Lauf des Langenbacher Graben und der "Weed" in der Mitte des Dorfplanes von 1823
Ausschnitt eines Dorfplanes von 1859 mit dem "Weed" in der heutigen Kaiserstraße

Etwa um 1871, nach den erfolgreichen Vereinigungskriegen und dem schnellen Sieg gegen Frankreich, erhielt die Kaiserstraße ihren jetzigen Namen. Lange davor wurden die Straßen aber unter anderem nach ihrer Alltagsbedeutung benannt und so sprach man hier von der Straße „An der Weed“, aber auch "Am Woog". Weed oder Wood - was war es den nun in Selzen?


Der Langenbach quält sich auf den letzten Metern und kreuzt Gaustraße und Selzufer


Pferde oder Enten?


Ein „Weed“ ist eigentlich mehr als nur ein Ententeich. Weed (oder auch Wette; verwand mit dem Begriff „waten“) bezeichnet historisch eine sogenannte Pferdeschwemme. Eine Pferdeschwemme war eine Stelle in einem Fluss, Bach oder Teich an der Pferde und andere Zugtiere nach der Arbeit ins Wasser geführt, gesäubert und getränkt werden konnten. Im Sommer wurden die erhitzten Pferde in der Schwemme abgekühlt. Ihr Untergrund war meist gepflastert, damit der Boden beim Betreten durch die Tiere nicht aufgewühlt und so das Tränken beeinträchtigt wurde. Beim Zugang zum Wasser befand sich in der Regel eine Vorrichtung zum Anbinden der Pferde oder anderer Zugtiere. ⁵ Vielleicht auch in Selzen?


Oder doch einfach nur ein Woog? Als einen Woog bezeichnet man in Teilen Südwestdeutschlands ein stehendes Gewässer. Dies kann natürlichen Ursprungs oder künstlich angelegt sein. ⁶


Wasser für den Eimer


Ob Woog oder Weed ... der Teich hatte aber definitiv auch noch eine zweite wichtige Funktion. Er diente zugleich als Löschwasserreservoir. In einer Selzer „Feuerordnung“ von 1839 war der Erwerb des Bürgerrechts, neben der Pflicht zur Feuerbekämpfung, verknüpft mit der Anfertigung eines Feuereimers, der im Brandfall als Hilfe zum Heranschaffen des Löschwassers dringend benötigt wurde. ⁷ Die freiwillige Feuerwehr Selzen besitz noch einen solchen, 1848 gefertigten, ledernen Feuereimer und wir können uns vorstellen, wie dieser in einer Eimerkette vom Weed zum Brandherd weitergereicht wurde.

Bürger-Feuereimer von 1848
Was also früher der Löschteich war, ist heute der Marktplatz – so gesehen - hat sich gar nicht so viel verändert.

Aber zurück zum Langenbacher Graben innerhalb des Ortes. Was auf den Bildern so idyllisch aussehen mag, ist leider ein Ausdruck der gesunkenen Bedeutung. Mitunter kaum Wasser führend, zugewachsen, unansehnlich und verdreckt schlängelt sich der kleine vergessene und vernachlässigte Bach unter unseren Füßen und an unserem hektischen Treiben vorbei in die Selz. Er hat wirklich schon bessere Zeiten gesehen.


... und so stürzt sich der Langenbacher Graben in die Selz


Quellen:

Alle Fotografien vom Langenbacher Graben: Stefan Bremler, 14.03.2020


¹ Vgl. Seite „Selz“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. Juni 2019. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Selz&oldid=189217274

² Vgl. Bernhard Stümpel, "Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen", Seite 14, 1982

³ Vgl. Seite „Villa rustica“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. März 2020. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Villa_rustica&oldid=197872431

⁴ Vgl. Wilhelm Wagner, "Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen", Seite 86, 1982

⁵ Vgl. Seite „Pferdeschwemme“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. November 2019. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Pferdeschwemme&oldid=194463275

⁶ Vgl. Seite „Woog“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 4. September 2019. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Woog&oldid=191981768

⁷ Vgl. Bernhard Marschall und Ortsgemeinde Selzen, "Selzen - Geschichte und Geschichten einer Selztalgemeinde", Seite 66, Oktober 2007

⁸ Vgl. Otto Böcher, "Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen", Seite 25 und 31, 1982

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