• Stefan Bremler

Wie gemalt - Selzen's Denkmäler

Aktualisiert: 8. Jan.

Ein Besuch in der Galerie der Kultur- und Naturdenkmäler von Selzen.

Selzen besitzt ein Naturdenkmal und einundzwanzig (!) Kulturdenkmäler. Das ist für so eine kleine Gemeinde wie Selzen eine extrem hohe Zahl an denkmalgeschützten Objekten. Ein Vergleich macht das deutlich. Hahnheim (ohne Walheimer Hof) hat lediglich sechs und Köngernheim nur zehn Kulturdenkmäler. Wie kommt das und was ist überhaupt ein Kultur- bzw. Naturdenkmal?


Kulturdenkmal


Die Hohe Zahl an Kulturdenkmäler in Selzen erklärt sich vor allem durch die Begeisterung und gemeinschaftliche Initiative, die unter dem damaligen Bürgermeister Klaus Penzer im Rahmen des Wettbewerbs "Unser Dorf soll schöner werden" den Ort erfasste. Zahlreiche Auszeichnungen für Selzen und Anträge auf Unterschutzstellungen durch Gemeinde und Bürger*innen waren das Ergebnis.


Auf einen Antrag hin prüft die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz die Voraussetzungen für eine Unterschutzstellung. Dazu gibt das Denkmalschutzgesetz vor: Kulturdenkmäler sind Gegenstände aus vergangener Zeit,

  • die Zeugnisse, insbesondere des geistigen oder künstlerischen Schaffens, des handwerklichen oder technischen Wirkens oder historischer Ereignisse oder Entwicklungen,

  • die Spuren oder Überreste menschlichen Lebens oder

  • die kennzeichnende Merkmale der Städte und Gemeinden sind und

an deren Erhaltung und Pflege oder wissenschaftlicher Erforschung und Dokumentation aus geschichtlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder städtebaulichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht.


Naturdenkmal


Ein Naturdenkmal ist ein unter Naturschutz stehendes Landschaftselement. Der gesetzliche Schutz, entsprechend dem Naturschutzgesetzt, begründet sich hier durch die Seltenheit, Eigenart oder Schönheit des Naturdenkmals sowie seinen Wert für Wissenschaft, Heimatkunde und Naturverständnis und umfasst ein absolutes Veränderungsverbot.


Genug der trockenen Worte ... hinein in die ...


 

Galerie der Kultur- und Naturdenkmäler von Selzen.


Der Alte Friedhof

Unmittelbar an die Evangelische Kirche grenzt der in mittelalterlicher Zeit befestigte "Alte Friedhof". Die jetzt parkartige Anlage zieren einige erhaltene Grabmäler aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und alter Baumbestand (Kirchstraße 13).


Dazu die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE): "Die erhaltenen Grabmäler bieten einen guten Überblick über die Bestattungskultur des 19. und frühen 20. Jahrhundert."



Der Domhof

Der Domhof war bis 1792 der Zehnthof des Wormser Domstiftes. Die alte Zehnthofscheune hat sich bis heute erhalten. Die großzügige Anlage mit barockem Wohngebäude und Landschaftsgarten geht im Ursprung vermutlich auf eine fränkische Hofstelle zurück (Domhofstraße 7).


GDKE: "Ortsgeschichtlich hoch bedeutendes Anwesen, das in seinem Bestand die Entwicklung von geistlichem Wirtschaftshof bis zum zeitgemäßen Ausbau durch einen wohlhabenden Gutsbesitzer um 1900 in anschaulicher Weise widerspiegelt."



Der Evangelische Pfarrhof

Vermutlich am Standort einer fränkischen Hofstelle erhebt sich das mächtige und im Kern wohl spätmittelalterliche ev. Pfarrhaus. Trotz zahlreicher Umbauten birgt das Anwesen vielfach baugeschichtlich Interessantes (Kirchstraße 1).


GDKE: "Das weit in den Straßenraum hineinwirkende Anwesen ist wegen seiner besonderen Funktion von ortsgeschichtlichem Zeugniswert."



Die Evangelische Pfarrkirche

Die Kirche, errichtet 1740, steht erhöht und ursprünglich am Südrand des Dorfes auf dem ehemals rundum befestigten Kirchhof. Sie beheimatet eine der berühmten Stummorgeln aus dem Jahr 1787. Im Innern sind unter anderem Reste barocker Ausmalung wie Bibelzitate, Wappen und Jahreszahlen freigelegt. Der romanische Turm stammt von einem Vorgängerbau und wurde vermutlich bereits um 1200 errichtet (Kirchstraße 13).


GDKE: "Zeittypisch reformierte Kirche, wegen der seltenen Befunde am Turm von besonderer bauhistorischer Bedeutung."



Die Friedenseiche

Die stattliche Eiche in der Ortsmitte von Selzen wurde vermutlich anlässlich der Enthüllung des benachbarten Kriegerdenkmals gepflanzt (Kaiserstraße).


Wegen seines Alters, seiner Größe und des das Ortsbild von Selzen prägenden Charakters wurde die Eiche in die Liste der Naturdenkmäler aufgenommen und steht somit unter Naturschutz.



Der Grenzstein

Grenzstein mit der Jahreszahl 1702 und dem Wappen der Reichsritter Sickingen, damals Herren von Köngernheim. Der Stein bildet heute zusammen mit weiteren Grenzsteinen einen Steinkreis um den sogenannten "Menhir" von Selzen (Flur: Am Heidnischen Rechklauer).


GDKE: "Inzwischen seltenes Zeugnis für die größtenteils von Reichsritterschaften bestimmten Herrschaftsverhältnisse im mittleren Selztal."




Die Grabmäler

Der neue Friedhof ersetzte 1898 die Grabstätte im Kirchhof. Von geschichtlicher Bedeutung sind hier die originalen kugelbekrönten Sandsteinpfosten des Eingangs und eine Gruppe neoklassizistischer Gräber (Friedhof).


GDKE: "Von besonderem historischen Belang, eine Gruppe neuklassizistischer Grabsteine aus der Zeit des ersten Weltkriegs denen die spezifische Ikonographie den Charakter von Soldatengräbern verleiht ..."



Die Hofanlagen

Gebäude mit Geschichte, große Hofanlagen des 17. Jh., Hakenhöfe, Dreiseit- und Vierflügelanlagen aus dem 18. Jh., kleine Gehöfte und Arbeiterhäuser ... die Geschichte Selzen spiegelt sich in seinen vielfältigen Profanbauten wieder.


Spätgründerzeitlicher Hakenhof

1906 gebauter, stattlicher Hakenhof mit spätgründerzeitlichem Wohnhaus in Backsteinbauweise. Auf dem Anwesen befindet sich unter anderem ein bruchsteingemauerter Viehstall von 1864. Der Hof bildet, aus Richtung Mommenheim kommend, den Beginn des alten Ortskerns (Gaustraße 6).


Vierseithof "Altbürgermeister Binzel Erben"

Vierseithof des 17. bis 19. Jahrhundert an der platzartig aufgeweiteten Einmündung von Tränkgasse und Domhofstraße. Das Wohnhaus stammt vermutlich aus dem 17. Jh. und ist damit eines der ältesten Wohnhäuser von Selzen. Selten und in Selzen einzigartig ist der am Wohnhaus angebrachte Erker (Gaustraße 15).


Spätklassizistischer Dreiseithof

1860 nach Musterplänen für das ländliche Bauen in Rheinhessen errichteter und klar gegliederter Dreiseithof. Das Wohnhaus besitzt eine anspruchsvolle Fassadengestaltung mit noch teilweise original vorhandenen Klappläden. Eines der am besten erhaltenen Gehöfte seiner Zeit in der näheren Umgebung (Gaustraße 20).


Barocke Hoftoranlage

Die Hoftoranlage mit seitlicher Mannpforte stammt, ablesbar an der Inschrift im Torbogen, von 1742. Sie ist eine der wenig erhaltenen Beispiele für die ehemals ortstypischen Torbauten der Gemeinde (Käsgasse 4).


Ehem. Gasthaus "Darmstädter Hof"

Ehemals herrschaftliches Anwesen, dass zwischenzeitlich als Gasthof mit Tanzsaal diente. Zugang zur Hofanlage aus der Mitte des 19. Jh. mit älterem Kern gewährt einer der ältesten Torbogen (von 1595) des Landkreises. Integriert in die großvolumige Scheune finden sich sehenswert der ehemalige Abtritt (Toilettenanlage) und die restaurierte "Kuhkapelle" (Kaiserstraße 4).


Kleinbauern-Hakenhof

Hakenhof mit einem ursprünglich erhaltenen Wohnhaus aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die dahinterliegende Querscheune mit seinem Eichenfachwerk vermutlich aus der Mitte des 18. Jh.. Das Anwesen ist, mit seinem für diese Region seltenen Haustyp, eines der am besten erhaltenen Kleinbauernhöfe Rheinhessens (Kaiserstraße 12).


Spätklassizistischer Vierseithof

Vierseithof des 18. bis 19. Jahrhunderts mit seinem im Kern spätklassizistischen Wohngebäude. Bestandteil der noch vollständigen Hofanlage: Tonnengewölbter Weinkeller mit Steinschiebe-Fenster von 1818 und inzwischen zur Wohnung ausgebaute Fachwerkscheune von 1768 (Oppenheimer Str. 7).


Barockes Wohnhaus

Das Wohnhaus vermutlich aus dem späten 17. Jh. ist das einzig verbliebene Gebäude einer Hofanlage. Leider inzwischen in einem besorgniserregend schlechten baulichen Zustand, ist das Gebäude ein gutes Beispiel für die typische barocke Mischbauweise nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg (Weyerstraße 8).



Der Kapellenhof

Am 04. April 1373 wird die "Kappelhube" erstmalig urkundlich erwähnt. Der Vierseithof ist daher reich an Baugeschichte. 1901 wurde das alte Wohngebäude durch das sehenswerte villenartige späthistorische Wohnhaus ersetzt (Kapellenstraße 18).


GDKE: "In seiner Gesamtheit intakter, zeittypischer Gutshof, Blickpunkt an einer markanten Straßenbiegung."



Die Kath. Kirche Mariä Geburt

Schlichter neugotischer Backsteinbau, 1876 nach den Plänen des Mainzer Architekten Joseph Lucas erbaut. Im Innern unter anderem sehenswert: Üppige Rankenbemalung und Madonna-Figur, Mitte 18. Jahrhundert (Friedhofstraße 7).


GDKE: "Für den später als bischöflicher Baumeister tätigen Architekten typischer Bau ..."



Das Kriegerdenkmal

Denkmal zu Ehren der Teilnehmer des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Errichtet 1875 auf dem, durch Abbruch des Rathauses und kath. Kapelle entstandenen, "Freien Platz" (Kaiserstraße).


GDKE: "Eines der ältesten Denkmäler diesen Standardtype in der Region, durch die Lage in der Ortsmitte hervorgehoben."



Das Schulhaus

Das Schulhaus wurde 1894, zusammen mit Einfriedung, Toiletten- und Stallgebäude, auf dem Gelände eines trockengelegten Weeds in damals für Landschulen typischen Bauweise errichtet. Trotz unterschiedlicher Nutzung im Innenbereich sind z. B. Portal mit Türblatt und Treppenhaus im Original erhalten. (Kaiserstraße 17).


GDKE: "Für die späte Gründerzeit charakteristische, typenhafte Landesschule."



Die Selzer Mühle

Die Mühle am südlichen Ortsausgang zeigt zahlreiche Bauteile und Zeugnisse vom 17. bis 19. Jahrhundert. Das Wohnhaus selbst wurde 1844 errichtet.(Gaustraße 69-75).


GDKE: "Ungeachtet der Veränderungen eines der bedeutendsten Zeugnisse des historischen Mühlwesens im Selztal."



Der Steinerne Steg

Ehemals steinerner Steg über die Selz. Der Steg aus dem frühen 17. Jahrhundert (1617) führte zum Fußweg nach Undenheim auf der anderen Seite der Selz. Seine jetzige Lage kennzeichnet den ursprünglichen Verlauf der Selz (Eichgasse).


GDKE: "Wenn auch nur fragmentarisch überliefert von bedeutendem volkskundlichen Interesse, zumal in seiner Art einzigartig in Rheinhessen."



Der Totenwagen

An einer Ecke des alten Friedhofs befindet sich eine um 1900 erbaute Leichenwagenhalle. Sie beherbergt einen prächtigen Totenwagen von 1911, der bis Mitte der 60 Jahre die Verstorbenen zum neuen Friedhof brachte (Friedhofstraße).



Der Wasserbehälter

Das "Wasserhäusschen" wurde 1909 nach Plänen der Kulturinspektion Mainz oberhalb von Selzen erbaut (Flur: Auf den oberen Spitzäckern).


GDKE: "Interessantes Beispiel für die Abwendung von den bisher verwendeten Jugendstilbautypen."


 

Natürlich gibt es in Selzen noch viele andere Gebäude und Gegenstände, die ebenfalls schützens- und erhaltenswert sind. Die Auflistung betrachtete lediglich die in der Denkmalliste verzeichneten Kulturdenkmäler.


Leider befinden sich einige der Kulturdenkmäler in einem vernachlässigten oder gar schlechten Zustand. Für Selzen bleibt zu hoffen, dass wir für unsere nachkommenden Generationen möglichst viele dieser Zeugnisse der Vergangenheit erhalten können.


Wer mehr über die Kulturdenkmäler von Selzen und der ehemaligen Verbandsgemeinde Nierstein-Oppenheim erfahren möchte, dem empfehle ich wärmstens folgendes Buch:

Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz - Direktion Landesdenkmalpflege (Hg.). Kreis Mainz-Bingen, Band 18.3 Verbandsgemeinde Nierstein-Oppenheim. Worms 2011.


 

Quellen:


Texte und Zitate:

Vgl. Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz - Direktion Landesdenkmalpflege (Hg.). Krienke, Dieter (Bearb.). Kreis Mainz-Bingen, Band 18.3 Verbandsgemeinde Nierstein-Oppenheim. Worms 2011.


Bilder:

Fotografien und Bildbearbeitung von Stefan Bremler







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