• Stefan Bremler

Geblieben ist nichts

Updated: Aug 26, 2019

Vergessene Geschichte und der Verlust der letzten "Überbleibsel" des historischen Selzer Rathaus.


Der erste Text zur Selzer Geschichte und dann leider direkt ein sehr betrüblicher für Selzen. Aber in all der Trauer über ein verlorene Erbe, hatte das Ereignis doch etwas Gutes. Es löschte meine Bedenken über Sinn oder Unsinn einer Blog-Seite zur Selzer Geschichte.


Aber ... was ist passiert? Da müssen wir zuerst mal in die Selzer Vergangenheit schauen.



Das historische Selzer Rathaus

"Zwischen 1706 und 1716 ließ Kurfürst Johann Wilhelm in Selzen ein Rathaus erbauen."¹

"Es erhob sich an der Hauptstraße des Dorfes, der Gaustraße, in einer Verbreiterung der hier von Osten einmündenden Kaiserstraße und sah vermutlich ähnlich aus, wie das Rathaus in Hohen-Sülzen bei Worms."¹


Das wäre dann in etwa so:


Zumindest von der Aufteilung her, denn "vor einem massiv gemauerten Erdgeschoß, indem sich die Marienkapelle der - größtenteils erst um 1700 zugewanderten - Katholiken befand, führte eine große Freitreppe in das Obergeschoß aus Fachwerk; hier lagen die Räume der Bürgermeisterei."¹



Heute steht an diesem Ort das Kriegerdenkmal und wir sprechen vom "Freien Platz".

Womöglich entstand der Name "Freier Platz" nach dem Abbruch und ist eigentlich gar nicht so positiv gemeint, wie wir denken.


Das vollkommen unnötige Ende des Rathaus

"Es darf vermutet werden, der katholische Gottesdienstraum sei ein Hauptgrund für den aufwendigen Rathausbau gewesen; er war auch der eigentliche Grund für den beschämenden Abbruch im Jahre 1875."¹

Angeblich um einen würdigen Platz für das Ehrenmal der Kriegsteilnehmer von 1870/71 zu schaffen, wurde das wertvolle Rathaus auf Abbruch versteigert. Quellen sprechen auch von einem Riß im Mauerwerk, jedoch nicht so gravierend, dass ein Abriss unausweichlich war. Zudem gab es durchaus auch Bestrebungen seitens der Katholiken nach einem eigenen Gotteshaus.


Aber "alles deutet daraufhin, dass das Rathaus hauptsächlich zerstört wurde, um den gottesdienstlichen Raum der Katholiken aus dem Dorfmittelpunkt zu entfernen."¹

Der Weg zur modernen Ökumene, zum Dialog und Zusammenarbeit zwischen christlichen Konfessionen, war noch weit.


Was übrig blieb


Bei der Versteigerung gelangten Teile des Treppengeländers an das Schulhaus in der Kirchstraße, wo sie 1960 nach einem Umbau verschwanden.


Das Rathausportal wurde - um die Kämpfersteine (Trägerstein des nachfolgenden Bogens) verkürzt - als Kellereingang in den Nebengebäuden des Hauses Dorfgrabenstr. 5 verbaut. Leider wurde das Anwesen kürzlich abgerissen und damit ist auch die letzte Erinnerung an das alte Rathaus für immer verloren.


Ich selbst habe den Eingang nie gesehen und kann daher nicht sagen, wie er aussah. Vielleicht so ähnlich wie andere Portale aus der Zeit:


Ja, das Portal mag ganz unscheinbar gewesen sein, aber durch sein Alter und seine historische Bedeutung hätte er sich sicherlich am oder im geplanten Gemeindezentrum gut gemacht.

Nicht falsch verstehen, dass ist kein Vorwurf an die ehemaligen Bewohner der Dorfgrabenstraße 5 oder an das Abrissunternehmen. Die Herkunft der Steine waren einfach nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein.


Die meisten Vorwürfe habe ich mir selbst gemacht, weil ich vor Jahren über die Existenz des Portals gelesen habe und auch von dem Abriss hörte. Dass die Eingangssteine genau dort zu finden sind ... diesen Zusammenhang habe ich zu spät erkannt. Mein Anruf beim Abrissunternehmen kam einige Tage zu spät.


Und das ist die Lehre daraus. Wir müssen unser historisches Erbe kennen, erst dann können wir auch darauf achten.


Quellen:

¹ Vgl. Prof. Dr. Dr. Otto Böcher, Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, 1982, Seiten ...

- Bild Rathaus Ober-Sülzen: Offizielle Internet-Seite des Weindorfs Ober-Sülzen im südlichen Wonnegau, http://www.hohen-suelzen.de/index.php/tourismus/artikel/das-rathaus-aus-dem-16.-jahrhundert

325 views
 

Abonnieren per E-Mail

© 2019: Der Selzer