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Spuren unserer Selzer Ahnen ...

(1) ... aus der Frühgeschichte und der Antike.


Der sogenannte "Lorscher Codex" ist eine wahre Fundgrube: Eine der im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts im Klosters Lorsch angefertigten 3.800 Urkundenabschriften enthält auch die erste urkundliche Erwähnung von Selzen. Das es in der Gemarkung von Selzen schon weit vor dem genannten Datum – 782 n. Chr. – Siedlungen gab, zeigen die vielen Funde aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte.

Die aufgefundenen altertümlichen "Bodenschätze" sind Glücksfälle der Selzer Geschichte und ermöglichen uns eine kleine Zeitreise zu den frühen Bewohnern unseres Heimatfleckens.


Titelbild: Nachträglich kolorierte Illustration aus der Veröffentlichung "Das Germanische Todtenlager bei Selzen" von W. und L. Lindenschmit, Mainz, 1846".
Titelbild: Nachträglich kolorierte Illustration aus der Veröffentlichung "Das Germanische Todtenlager bei Selzen" von W. und L. Lindenschmit, Mainz, 1846".

Die Initialzündung – der Mainzer Altertumsverein

 

1823 löste ein Aufruf des Kreisrichter Dr. Joseph Andreas Emele (1796-1847) bezüglich der Gründung eines Geschichtsvereins große Begeisterung bei der Mainzer Bevölkerung aus. Die Regierung des Großherzogtums Hessen, zu dem Mainz und Rheinhessen seit 1814 gehörten, untersagte dies jedoch aus politischen Gründen. 19 Jahre später unternahm Joseph Emele und andere Mainzer Geschichtsfreunde erneut den Versuch, die Gründung eines Vereins zur Erforschung der vaterländischen Geschichte genehmigen zu lassen. Zwei Jahre dauerte es, bis dem Gesuch stattgegeben wurde. Joseph Emele wurde erster Vorsitzender des im Frühjahr 1844 gegründeten Vereins zur Erforschung der Rheinischen Geschichte und Altertümer (später Mainzer Altertumsverein). ¹


Zu diesem Zeitpunkt war Joseph Emele bereits im Besitz einer großen Sammlung altertümlicher Objekte. Darunter befanden sich auch – wie er in einer Veröffentlichung von 1827 schrieb ­– Fundstücke aus Selzen. Es handelte sich um drei ­– mittlerweile verschollene – Steinbeile, damals „bei dem Volke ... unter dem Namen „Donneräxte, Donnerkeile“ bekannt“. ² Über die Herkunft schrieb Emele weiter:


Abb. 1: Die "Donnerkeile" aus Selzen
Abb. 1: Die "Donnerkeile" aus Selzen

„Diese drei Stücke wurden in Selzen bei Oppenheim gefunden. Herr Gemeinde-Einnehmer Kraft, und dessen ältesten Herr Sohn hatten die Güte mir ein Geschenk damit zu machen, wofür ich ihnen noch einmal danke.“ ²


Die von Georg Karl Krafft (Lehrer in Selzen von 1794 bis 1847) und seinem Sohn Georg Michael Krafft (Lehrergehilfe in Selzen von 1823 bis 1847) geschenkten Beile bzw. Keile aus der „Hinkelsteinkultur“ (um 4800 v. Chr.) gehören zu den ältesten Funden aus Selzen und sind womöglich die ersten nachweislich dokumentierten Altertümer.


Zugleich stehen sie auch für den Beginn einer wegweisenden Verbindung zwischen dem geschichtsträchtigen Ort Selzen und dem Mainzer Altertumsverein. Bereits eine der beiden ersten Ausgrabungsvorhaben des noch jungen Altertumsvereins führte 1845 Ludwig Lindenschmit in das damals noch 4 Stunden vom Mainz entfernte Selzen. 


Die Ausgrabungen von 1844, 1845 und 1846 werden noch Thema in "Spuren unser Selzer Ahnen (2) ... aus der Fränkischen Zeit und danach" sowie in einem gesonderten Blog-Beitrag sein.


Nachfolgend möchte ich zunächst berichten, welche weiteren Entdeckungen in Selzen gemacht wurden – sofern der Mainzer Altertumsverein oder andere Institutionen davon Kenntnis erlangten.


Unter unseren Füßen

 

Mitte des 19. Jahrhunderts stieg das Interesse an der Geschichte und den Altertümern – auch ausgelöst durch die Selzer Grabungen von 1844 bis 1846 – und vielerorts wurden Geschichtsvereine gegründet.

Jetzt gruben sich auch verbesserte Pflüge immer tiefer in den Boden und holten Vergangenes ans Licht. „Ackersmänner“ wurden gebeten, Funde sofort zu melden. Am Beispiel des Zusammenspiels zwischen dem Selzer Lehrer Krafft und dem Altertumsverein wurden in den Dörfern sogenannte Vertrauensmänner – meist Pfarrer oder Lehrer – gesucht und benannt. Sie sollten eine erste Sichtung vornehmen und ggf. Meldung an Mainz geben.

Zudem führte die Beseitigung vieler Dorfbefestigungen zu einer regen Bautätigkeiten außerhalb des bisherigen Siedlungsgebietes. Viele Funde waren die Folge und die Sammlungen des Mainzer Altertumsvereins, des Landesmuseum Mainz und später des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz RGZM (1852) wuchsen.

 

Und doch war es sicherlich nur ein Bruchteil aller entdeckten Altertümer, die den Weg nach Mainz fanden. Viele Fundstellen oder -objekte sind vernichtet worden, weil deren Bedeutung und Wert nicht erkannt wurde. Oder wenn doch, dann wurde geschwiegen, weil eine Meldung ggf. die Einstellung der Arbeiten bedeutet hätte. So blieben viele Objekte in privatem Besitz oder wurden an Antiquitätenhändler verkauft.

 

Heute sind die geschichtsträchtigen Böden vielmals tief umgepflügt, längst bebaut oder werden achtlos mit schwerem Gerät ausgehoben. Was noch zu finden wäre, bleibt möglicherweise unentdeckt oder wird unbemerkt vernichtet.



Die Spuren unserer Selzer Ahnen ... aus der Frühgeschichte und Antike


Was über die bisherigen Fundorte und -objekte der Selzer Gemarkung bekannt ist:


(Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird weiter komplettiert und hoffentlich auch fortgeschrieben)



Tertiär (66 Mio. bis 2,6 Mio. v. Chr.)


Hinkelstein, 35 bis 25 Mio. v. Chr.

1968, Gewann "In der Sandkaut"


Abb. 2: "Menhir von Selzen"
Abb. 2: "Menhir von Selzen"

Bei der Flurbereinigung 1968 wurde bei Ausbauarbeiten von neuen Wegen und Gräben zwischen Selzen und Mommenheim der sogenannte "Menhir von Selzen" freigelegt. Dabei handelt es sich um einen etwa 10 Tonnen schweren feinkörnigen und leicht glitzernder Sandstein aus der Alt-Tertiärzeit vor etwa 25 bis 35 Millionen Jahren. Experten gehen davon aus, dass es sich um einen natürlich gewachsenen Findling handelt. Ob er ggf. in der Jungsteinzeit herbeigeschafft und aufgestellt wurde, ist nicht zu beantworten. Mehr hier.



Steinzeit (bis 1800 v. Chr.)


In der Gemarkung von Selzen, an einem späteren antiken Straßenkreuz gelegen, zeigen sich viele Spuren menschlichen Daseins seit dem Beginn dauerhafter Niederlassungen.



"Donnerkeile", Hinkelsteinkultur, um 4800 v. Chr.

1827, Gewann "Auf dem hinteren Kreuz"(?)


Der Selzer Lehrer Georg Karl Krafft schenkte dem geschichtsinteressierten Juristen und späteren Direktor des Vereins zur Erforschung der Rheinischen Geschichte und Altertümer (Mainzer Altertumsverein) drei bei Selzen aufgefundene steinerne Beile aus der „Hinkelsteinkultur“ (um 4800 v. Chr.). ² Abbildung siehe oben.

Die Objekte stammten möglicherweise aus dem gleichen Siedlungsgelände und der gleichen historischen Periode wie der Fund aus dem Jahre 1903.



Grab und Beigaben, Hinkelsteinkultur, 5./4. Jahrtausend v. Chr.

1903, Gewann "Auf dem hinteren Kreuz"


Abb. 3: Grabbeigaben
Abb. 3: Grabbeigaben

Einer der ältesten Selzer Funde ist ein Grab der „Hinkelsteinkultur“, das dem frühen Abschnitt der Jungsteinzeit zugeschrieben wird (5./4. Jahrtausend v. Chr.). Das in der Gewann „Hinteres Kreuz“ zutage getretene Grab lag im Bereich einer relativ ebenen Hochfläche nordwestlich des Ortes. Diese Situation auf einer über den sumpfigen Niederungen gelegenen,

ackerbaulich gut nutzbaren „Fastebene“ ist charakteristisch für die weitgehend von der Landwirtschaft lebenden Siedler der älteren Jungsteinzeit. Die geborgenen Beigaben, ein keilartiges Steingerät mit Schaftloch und zwei Tongefäße: ein Kugelbecher mit Winkelbandverzierung und einem Napf mit vier Ösen zum Durchziehen einer Tragschnur.



Tonscherben, Rössner Kultur, zwischen 4790 und 4550 v. Chr.

1974, Gewann "Auf dem Kreuz"


Lehrer Gottwald erkannte im März 1974 in einem frisch gerodeten Ackerstreifen mit 200 m Breite und 60 m Länge mehrere dunkle Verfärbungen, aus denen er jungsteinzeitliches Material barg. Auf dem Areal ist eine ausgedehnte Siedlung der Rössner Kultur (genannt nach dem Gräberfeld von Rössen, Sachsen-Anhalt) zu vermuten.


Abb. 4: Selzer Tonscherben aus der Rössner Kultur
Abb. 4: Selzer Tonscherben aus der Rössner Kultur


Hockergrab und Beigaben, Glockenbecherkultur, um 2500 v. Chr.

1935, Gewann "Auf den oberen Spitzäckern"


In den jüngeren Abschnitt der Jungsteinzeit führten zwei Funde der nach ihrer vorherrschenden Gefäßform benannten Glockenbecherkultur (um 2500 v. Chr.).

Bei Rodungsarbeiten „Auf den oberen Spitzäckern“, Flur IV, 352, kam 1935 auf der Grenze zwischen Äckern Richard Binzel Erben und Gustav Bingenheimer ein Hockergrab aus der Steinzeit zum Vorschein (Abb.5: Fundsituation).



In dem Grab fanden sich als Beigaben ein glockig geformter Becher und eine steinerne Armschutzplatte von ungewöhnlicher Größe (Abb. 6 und 7: Grabbeigaben). Letztere diente dem Bogenschützen dieser Zeit als Schutz gegen Verletzungen durch die zurückschnellende Sehne. Die Stücke wurden von dem Besitzer Binzel in dankenswerter Weise dem Museum als Geschenk überlassen.



Glockenbecher, Glockenbecherkultur, zwischen 2800 bis 2200 v. Chr.

1970, am Walheimer Weg in der Gewann "In den Sauerwiesen"


1970 konnte Lehrer und Vertrauensmann Gottwald einige Funde aus der Baugrube für die neue Rad-Sporthalle sicherstellen. Außer hallstattzeitlichen Funden aus der Eisenzeit wurde ein zerbrochener kleiner Glockenbecher (Abb. 8) aus der Steinzeit, vermutlich eine Grabbeigabe eines übersehenen Grabes, aufgefunden.



Bronzezeit (ca. 1800 v. Chr. bis 700 v. Chr.)


Die Bronzezeit ist bisher nur durch einige wenige Siedlungsspuren ihrer Endphase vertreten.



Tonscherben, Urnenfelderzeit, 13. bis 9. Jahrhundert v. Chr.

1969, am Mommenheimer Grenzweg unweit der Gewann "Im See"


Hart südlich des Mommenheimer Grenzweges, an einem zur Gewann „Im See“ abfallenden Hang, entdeckte Vertrauensmann Lehrer Gottwald auf einem frisch gerodeten Acker dunkle Verfärbungen, denen er einige vorgeschichtliche Scherben entnahm. Eine nähere Untersuchung ergab 2 getrennte Gruppen von ca. sechs „Siedlungsgruben“ (Erdkeller?), die Material der jüngeren sogenannten Urnenfelderzeit lieferten. Die Funde sind etwa an den Anfang des letzten vorchristlichen Jahrtausends zu datieren.


Eisenzeit (ca. 700 bis um Chr. Geb.)


Die Eisen- oder Hallstattzeit ist ebenfalls durch einige Siedlungsstellen und Objekte belegt.



Trichtergruben, Hallstattkultur, 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr.

1969, am Walheimer Weg in der Gewann "In den Sauerwiesen"


In der Baugrube der neuen Rad-Sporthalle am Walheimer Weg (heute Bahnhofstraße) zeichneten sich Siedlungsstellen ab. Hier wurden beim Aushub für die Halle mehrere Gruben einer hallstattzeitlichen Siedlung angeschnitten, unter anderem mindestens 3 kegelstumpfförmige sogenannte „Trichtergruben“. Diese Erdkeller in Form von Kegelstümpfen, waren wohl zur kühlen Lagerung von Lebensmitteln vorgesehen. Als Zeitstellung dürfte das 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr. in Frage kommen. ¹⁰



Keramikreste, Hallstatt- und Latènezeit, 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr.

1980, Nähe Grundstück Bahnhofstraße 28


In der Nähe des Grundstücks Bahnhofstraße 28 konnten auf einem Acker unter anderem auch einige eisenzeitliche Keramikreste sichergestellt werden. ¹¹



Mehrere Schmuckstücke, Latènezeit, um 300 v. Chr.

Vor 1827, Gewann "Am Hasenrech"


Abb. 9:  Schmuckstücke
Abb. 9: Schmuckstücke

Auch die jüngere Eisenzeit, „Latènezeit“ genannt, hat ihre Zeugen in der Gemarkung hinterlassen. In der Gewann „Am Hasenrech“, zwischen Selzen und Hahnheim, fanden sich vier bronzene Knotenringe, Fragmente von zwei Ringen aus Bronzedraht, zwei hohle Ringperlen aus Bronzeblech sowie zwei Bronzefibeln. Dieses Schmuckstücke dürften eine Beigabe eines Frühlatènegrabes (um 300 v. Chr.) gewesen sein. ¹²



Bronzener Armring, Latènezeit, 450 bis um Chr. Geb.

1831, Gewann "Am Hasenrech"


Ein ebenfalls in die jüngere Eisenzeit zu datierender Fund wurde 1931 von Herrn Heinrich Jung „Am Hasenrech“ nördlich des Ortes aufgelesen. Den Armschmuck, einen bronzenen Knotenring mit „Pufferenden“, hatten vermutlich Kaninchen aus einem dort ruhenden Grab ans Tageslicht gewühlt. ¹³



Keltische Münzen, Latènezeit, 450 bis um Chr. Geb.

Vor 1905, Fundort unbekannt


Den Fund von keltischen Münzen von Ende der Eisenzeit (jüngere Laténezeit) nannten zwei Autoren, ohne dass heute noch nähere Angaben dazu gemacht werden können. Derartige Münzen mögen hier im letzten Jahrhundert v. Chr. in Umlauf gewesen sein. ¹⁴



Römische Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit (etwa 30 v. Chr bis 500 n. Chr.)


Die römische Epoche, etwa um Christi Geburt oder einige Jahre vorher einsetzend und Anfang des 5. Jahrhunderts endend, hat viele Überreste im Boden der Gemarkung zurückgelassen.



Keltisch-römische Grabsteine, 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr.

1935, an der Selz nähe Bahnhofsbrücke


Abb. 10: Fundsituation und -stelle an der Selz
Abb. 10: Fundsituation und -stelle an der Selz

Bei Regulierungsarbeiten an der Selz wurden einige Meter westlich der Eisenbahnbrücke und dem Bahnhof Selzen-Hahnheim insgesamt acht keltisch-römische Steindenkmäler und Grabsteinfragmente aus dem 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr. freigelegt. Die Grabsteine dienten wohl zur Befestigung einer Furt durch den Selzbach.¹⁵


Besonders wichtig sind zwei Familiengrabsteine, die als Erzeugnisse einer Mainzer Bildhauerwerkstatt aus der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. anzusehen sind. Der eine zeigt einen sitzenden Mann, zu dessen Seiten eine kleinere und eine größere Frauengestalt stehen, wahrscheinlich Tochter und Ehefrau. Auf dem anderen Stein, dessen Vorderfläche sehr stark beschädigt ist, ist ein sitzendes Ehepaar dargestellt, zwischen dem etwas erhöht der Oberkörper eines Mädchens erscheint. Die Seitenflächen sind mit tanzenden Dionysischen Figuren verziert. ²⁴




Römische Urne, zwischen 30 v. Chr bis 500 n. Chr.

1890, Fundort unbekannt


In der Rubrik „Vermehrung der Sammlung durch Ankäufe und Geschenke“ berichtete der Verein zur Erforschung der Rheinischen Geschichte und Altertümer 1890 von einem Zugang aus Selzen. Aufgenommen wurde damals eine in Selzen gefundene feine weißgraue römische Urne mit gelbrot bemaltem Rande. Näheres ist nicht bekannt. ¹⁶



Unterirdische Mauerreste, zwischen 30 v. Chr bis 500 n. Chr.

Vor 1908, Gewann "Kleinfeld" am Langenbach


Auf dem Kleinfeld („Langenbach“), nordöstlich des Ortes, lassen unterirdische Mauerreste auf eine römerzeitliche Siedlungsstelle schließen. Römische Münzfunde könnten ebenfalls von dort stammen. Hintergründe zu dem Fund sind unbekannt. ¹⁷



Reich ausgestattetes Brandgrab, um 100 n. Chr.

1968, Gewann "Auf dem Sand" unweit Langenbach


Ein von Landwirt Karl Hinkel geborgener Fund deutete ebenfalls auf eine römische Siedlungsstelle hin. Hart östlich eines zur Selz entwässernden Bächleins, unterhalb der Gewann „Auf dem Sand“, stieß er auf ein mit Feldsteinen abgedecktes römisches Brandgrab der Zeit um 100 n. Chr. Der Leichenbrand muss in einer von zwei halslosen kugeligen Glasurnen oder in beiden gelegen haben, die offensichtlich mit gläsernen Knopfdeckeln geschlossen waren. Außerdem gehörten zum Grabinventar ein zweihenkeliges Glasgefäß mit zylindrischem Hals und zwei kleinere Flaschen, alles aus grünlich-blauem Glas. Dazu noch 4 Henkelkrüge, ein Töpfchen, eine kleine Firmalampe (Öllampe), Tasse, Teller, Schrägrandtopf, 2 bronzene Emaillefibeln, Bruchstücke zweier Scheren, das Endstück eines Griffes aus geschnitztem Bein, eiserne Nägel und vieles mehr. Die Lage des Bestattungsplatzes an einem nach Westen sanft geneigten Hang, dicht oberhalb einer feuchten Talsohle, spricht dafür, dass das reich ausgestattete Grab zu einer nahegelegenen römischen Siedlungsstelle gehörte. ¹⁸


Abb. 11: Grabbeigaben des römischen Brandgrabes
Abb. 11: Grabbeigaben des römischen Brandgrabes

Überreste einer römischen Bebauung, zwischen 30 v. Chr bis 500 n. Chr.

1969, nördliches Selzufer


Eine römische Siedlung, wohl ein Einzelhof („villa rustica“), wurde durch Landwirt Albert Götter entdeckt. Er meldete dem Amt eine Ansammlung großer Steine auf seinem nördlich der Selz gelegenen Acker. Bei diesen handelte es sich nicht – wie zunächst vermutet – um eine Grababdeckung, sondern um Funde im Zusammenhang mit einer römischen Bauschuttschicht, die außer Ziegelfragmenten weitere Feldsteine enthielt. Einige Meter weiter westlich zeichnete sich im sonst flachen Gelände eine leichte Erhebung von ca. 20-30 m Durchmesser ab, vermutlich das Zentrum einer römischen Villenstelle. Die Fundstelle lag am Westrand der damaligen Ortsbebauung, auf dem nördlichen Selzufer. ¹⁹



Öllämpchen aus Ton, um 100 n. Chr.

1970, Gewann "Auf dem Sand" unweit Langenbach


Landwirt Karl Hinkel stieß an der gleichen Stelle, wo er vor zwei Jahren ein römisches Brandgrab entdeckte, auf ein römisches Tonlämpchen (Firmalampe). Vermutlich hatte sich das Stück in einer Erdscholle erhalten, die seinerzeit wegen des gefrorenen Bodens nicht aufgeschlagen worden war. ²⁰


Abb. 12: Römisches Öllämpchen
Abb. 12: Römisches Öllämpchen

Brandgrab mit Beigaben, zwischen 30 v. Chr bis 500 n. Chr.

1975, zwischen Selzen und Schwabsburg


Abb. 13: Fundsituation
Abb. 13: Fundsituation

Der Selzer Landwirt Kurt Wolf entdeckte 1975 auf seinem Acker zwei reich ausgestattete römische Brandgräber. Zusammen mit Roland Best wurde der Fund begutachtet und das staatliche Amt für Vor- und Frühgeschichte Mainz informiert. Nachfolgend das Schreiben von Dr. Bernhard Stümpel, nachdem der Fund (Abb. 14 und 15) begutachtet und in die Sammlung eines Mainzer Museums aufgenommen wurde.


„Sehr geehrter Herr Wolf! Wie verabredet, übersende ich Ihnen die beiden Fotos der römischen Gräber, zusammen mit der Situationsaufnahme an der Fundstelle. ... Das besser erhaltene Grab mit 4 Sigillata-Tässchen und das Tonlämpchen des anderen Grabes konnten wir jetzt doch schon ausstellen, und zwar in einer Sondervitrine, gleich links neben den Treppenstufen, die von der Eingangshalle in die prähistorische Abteilung führen. ...“ ²¹




Gefäßreste und Ziegelbruchstücke, 3./4. Jahrhundert n. Chr.

1980, in der Nähe Bahnhofstraße 28


Nahe des Grundstücks Bahnhofstraße 28 kamen beim Roden auf einem Acker römische Keramik- und Glasgefäßreste zutage, außerdem Bruchstücke von Leistenziegeln. Das datierbare römische Material weist in das 3./4. Jahrhundert n. Chr. ²²



Metallschnalle, um 355/360 n. Chr.

Um 1980, Fundort unbekannt


Der Selzer Bodo Schmitt fand in Selzen eine römische Buntmetallschnalle. Er meldete den Fund sofort der archäologischen Bodendenkmalpflege in Mainz, sodass eine sachgerechte Auswertung möglich wurde.


Abb. 16: Metallschnalle
Abb. 16: Metallschnalle

Das Besondere an diesem Fund war die Tatsache, das wohl die Prägung eines Münzstempels, der bis dato noch unbekannt war, zu Schmuckzwecken verwendet wurde. Zu sehen ist FEL TEMP REPARATIO als Umschrift; aufgelöst und übersetzt hieße das felicium temporum reparatio , die Wiederherstellung glücklicher Zeiten. Im Bildfeld erkennbar die Roma mit Helm auf der linken Seite und Constantinopolis mit Mauerkrone auf der rechten Seite sitzend. Dazwischen ein Schild mit Stern.

Da diese Darstellung einem bekannten Münzbild des Kaisers Constantius II. aus dem Jahre 355/360 sehr ähnlich ist, kann der Fund frühestens in diese Zeit datiert werden. ²³



Fränkische Zeit / Mittelalter (etwa 500 bis 1500 n. Chr.)

und danach


... folgt in Kürze in Teil 2 von "Spuren unserer Selzer Ahnen ..."



Quellen:

¹ Mainzer Altertumsverein: Geschichte des Mainzer Altertumsvereins, unter

² Joseph Emele, Dr.: Ueber Amulete und das, was darauf Bezug hat. In leichten Umrissen, Mainz, 1827, Seite 56 und 57.

³ / ⁴ Zugehörige Texte nicht mehr vorhanden. Sie wurden in Teil II aufgenommen.

⁵ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 12.

Und Westdeutsche Zeitschrift für Kunst und Geschichte. Jahrgang XXIII, Trier, 1904. Graeven, H.: Museographie über das Jahr 1903/1904, Seite 361.

⁶ Dammers, Barbara: Die Keramik der Rössner Kultur in Rheinhessen. Leipzig, 2005, Seite 243. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1974/75, Seite 253.

⁷ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 12. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1935/36, Seite 81.

⁸ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 12. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1970/71, Seite 225.

⁹ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 12. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1969, Seite 295.

¹⁰ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 14. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1969, Seite 295.

¹¹ Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1980, Seite 260.

¹² Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 14. Und Behrens, G.: Bodenurkunden aus Rheinhessen I. Mainz, 1927, Seite 13.

¹³ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 14.

¹⁴ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 14.

¹⁵ Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1936. Klumbach Hans: Römische Grabsteine von Selzen (Rheinhessen), Seite 33-39.

¹⁶ Westdeutsche Zeitschrift für Kunst und Geschichte. Jahrgang IX, Trier, 1890. Hettner, F.: Museographie über das Jahr 1889, Seite 298.

¹⁷ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 14. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1908, Seite 36.

¹⁸ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 14 und 19. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1971.

¹⁹ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 14. Und Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1969, Seite 307.

²⁰ Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1970/71, Seite 248.

²¹ Schreiben des Staatlichen Amt für Vor- und Frühgeschichte Mainz vom 18.02.1975 an Kurt Wolf.

²² Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1970/71, Seite 248.

²³ Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 20.

²⁴ Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz: Führer zu Vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Nördliches Rheinhessen, Band 12, Mainz 1969, Seite 228-230.




Abbildungsverzeichnis:

Titelbild: Nachträglich von mir kolorierte Illustration aus der Veröffentlichung:

Wilhelm und Ludwig Lindenschmit: Das Germanische Todtenlager bei Selzen in der Provinz Rheinhessen. Mainz, 1848.

Abb. 1.: Dr. Emele, Joseph: Ueber Amulete und das, was darauf Bezug hat. In leichten Umrissen, Mainz, 1927, Auszug der Abbildung auf Seite 81.

Abb. 2: Fotografie von Stefan Bremler, 2019

Abb. 3: Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 13.

Abb. 4: Dammers, Barbara: Die Keramik der Rössner Kultur in Rheinhessen. Leipzig, 2005, Tafel 116

Abb. 5 und 6: Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Jahrgang 31, Mainz, 1935/36, Seite 81.

Abb. 7: Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 13.

Abb. 8 und 9: Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 15.

Abb. 10: Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1936. Klumbach Hans: Römische Grabsteine von Selzen (Rheinhessen), Seite 33.

Abb. 11: Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 19.

Abb. 12: Mainzer Altertumsverein: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Geschichte und Kunst, Mainz, 1970/71, Seite 246.

Abb. 13 bis 15: Fotokopierte Fotografien, die dem Schreiben des Staatlichen Amt für Vor- und Frühgeschichte Mainz vom 18.02.1975 an Kurt Wolf beilagen.

Abb. 16: Gemeinde Selzen: Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Selzen, 1982. Bernhard Stümpel: Selzen in der Ur- und Frühgeschichte, Seite 20.

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