• Stefan Bremler

Selzer Geläut im freiwilligen Exil

1888 verschenkte Selzen zwei Kirchenglocken an eine Nachbargemeinde. Was aus ihnen geworden ist und warum sie etwas ganz besonderes sind.

Teil 3 der Chronik über die Selzer Kirchenglocken und ihre wechselhafte Geschichte in Zeiten von Krieg und Frieden.


Nach zwei längeren Blog-Beiträgen sollte man meinen, es sei nun wirklich alles über die Historie der Selzer Kirchenglocken gesagt worden.


Siehe ...

Teil 1: „Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.“ (1705 bis 1918)

Teil 2: "Die Kanone sprach zur Glocke: Heute sind sie dein und beten, morgen sind sie mein und töten." (1919 bis 2019)


Zumindest das, was noch ohne weiterführende Recherche in den zentralen Archiven von Mainz, Darmstadt, Speyer, Koblenz und Berlin gesagt werden konnte.


Ein besonderes Geschenk


Das Verfolgen einer kleinen Anmerkung in der Festschrift von 1982 führte jedoch zu einer kleinen Sensation und zeigte, dass das Kapitel der Selzer Glocken noch längst nicht abgeschlossen ist. In dem "Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen" steht:

"1887 stiftete Altbürgermeister Johann Georg Kessel II. drei neue, von Andreas Hamm in Frankenthal gegossene Glocken. Von den drei alten Glocken schenkte man zwei an die im Bau befindliche, 1888 eingeweihte evangelische Pfarrkirche in Bodenheim bei Mainz." ¹

Zudem schrieb Karl Johann Brilmayer 1905 in seinem berühmten Buch "Rheinhessen in der Vergangenheit und Gegenwart" über Bodenheim:

"Die evangelische Gemeinde erbaute sich im Jahre 1888 eine Kapelle. Im Turm hängen zwei kleine Glocken, welche früher in der Kirche zu Selzen hingen und hierher geschenkt wurden." ²

Als für die evangelische Kirche in Selzen ein größeres Geläut angeschafft und die alten Glocken ausgemustert wurden, gingen diese wohl in das Eigentum von Johannes Georg Kessel II. (Spender der drei neuen Glocken) und einer Witwe Binzel über. Diese schenkten die beiden Glocken an die junge evangelische Kirchengemeinde in Bodenheim.


Die evangelische Kirche von 1888 in Bodenheim

Es war also sehr wahrscheinlich, dass diese Glocken die ältesten schriftlich belegten Glocken von Selzen sind. Wenn man nun bedenkt, wie viele Glocken im Ersten und Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind und die katholische Kapelle Selzen in dieser Zeit drei Glocken-Generationen kommen und gehen sah, war nicht davon auszugehen, dass die beiden Glocken überlebt haben.


Die Glocken trotzen Krieg und Gebrauch


Eine Nachfrage bei der evangelischen Kirchengemeinde in Bodenheim brachte jedoch die Gewissheit:

Tatsächlich: Die beiden ältesten "Selzer" Kirchenglocken hängen in Bodenheim und läuten auch heute noch zum Gebet!


Die kleinere und ältere der beiden Glocken ist aus Bronze, hat einen Durchmesser von 63 cm, wiegt 150 kg und hat den Schlagton f. Sie trägt die Aufschrift:

"1736 groß mich Christoph Roth, Maintz"

Die führenden Mainzer Glockengießer zwischen 1670 und 1800 entstammen alle der Familie Roth aus Würzburg. 1670 kam dann Caspar Roth nach Mainz und wurde 1672 Mainzer Bürger. Nur eine Glocke ist von ihm erhalten. Sein Sohn Georg Christoph Roth (1672-1751) entfaltete ab 1700 eine sehr reiche Gießertätigkeit. Von ihm sind über 100 Glocken nachweisbar.


Die drei Glocken im Glockenturm der evangelischen Kapelle in Bodenheim vom Aufstieg aus gesehen. Links unten die Glocke von 1736, rechts die Glocke von 1833.
Detail der alten Selzer Glocke von 1736.

Die große Bronze-Glocke zeigt die Aufschrift:

"Gegossen in Mainz von Karl Otto (?) im Jahr 1833 für die Evangelische Kirche in Selzen"

Sie misst 75 cm im Durchmesser, wiegt 250 kg und hat den Schlagton d. ³


Die alte Selzer Glocke von 1833.

Älter als die USA


Die Glocke von 1736 ist 284 Jahre alt und hatte, bevor sie Eigentum von Bodenheim wurde, schon 152 Jahre lang in Selzen ihren Dienst getan. Sie läutete damit allein in Selzen länger, als die derzeit älteste aktive Selzer Glocke von 1887.


Nur zum besseren Einordnen: Die Glocke von 1736 ...

  • ist älter als die USA, die erst 1776 mit der Unabhängigkeitserklärung zu existieren begann,

  • läutete in Selzen schon vor der Französischen Revolution 1789,

  • sah die Erfindung der Dampfmaschine 1769,

  • rief schon zum Gebet vor der Verbreitung der Kartoffel in Deutschland (Mitte 18. Jahrhundert) und

  • kündete vom Leben und Sterben der Generation von Schiller (1759-1805) und Goethe (1749-1832).

"Liebe Bodenheimer, passt weiterhin so gut auf unsere Geschenke auf."


Danksagung und Quellen:


Vielen Dank an die evangelische Kirchengemeinde in Bodenheim, die es mir ermöglichst hat, den Turm zu besteigen und die Glocken zu fotografieren.


Alle Fotografien von Stefan Bremler


¹ Vgl. Prof. Dr. Dr. Otto Böcher, Die Geschichte des Dorfes Selzen, Jubiläumsbuch zur 1200-Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen, Seite 31,1982

² Vgl. Karl Johann Brilmayer, Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart, 1905, Seite 414

³ Vgl. Dr. Gerhard Schulz, Die Kirchenglocken, Gemeindebrief der evangelischen Kirche in Bodenheim, 2015

⁴ Hans Fritzen, Mainzer Glockengießer, in: Mz. Zts. 44/45, 1949

URL: https://www.heimatmuseum-nauheim.de/1150/1157/glockfam.htm

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