• Marliese Reitzel

Das "Offene Haus"

Tränkgasse 8: Offen vom Parterre bis zum Speicher; zweimal stand das alte kleine Fachwerkhaus für längere Zeit ohne eine vierte Außenmauer da.


Ein Beitrag von Marliese Reitzel zur Aktion "Selzer Häuser erzählen".


Im Januar 2021 haben uns Corona und der Winter fest im Griff. Keine geselligen Veranstaltungen, keine Gartenarbeit. Was bleibt sind Spaziergänge, Aufräumen. Lesen und Geschichten schreiben. Leider findet unsere kreative Schreibwerkstatt ebenfalls nicht statt. Als Notlösung kam die Idee auf, uns über die Vergangenheit unserer Häuser Gedanken zu machen und aufzuschreiben.


Nach einigen Überlegungen rückte in meiner Erinnerung besonders eine spektakuläre Geschichte in den Fokus.


Es muss kurz vor den 1950er Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein, als beschlossen wurde, eines der ältesten schönen Fachwerkhäuser in Selzen, Käsgasse/ Ecke Tränkgasse, – Haus Weiffenbach - dem Erdboden gleichzumachen. Die Raiffeisengenossenschaft wollte an dieser Stelle eine große Lagerhalle errichten. Das große alte Fachwerkhaus hatte gute 300 Jahre auf dem Buckel und hätte auch weiterhin tapfer durchgehalten, wie es Fachwerkhäusern eigen ist. Aber die Beschlüsse waren unumstößlich, und die damaligen Bewohner - Fam. Vogl – mussten sich ein neues Quartier suchen.


Das "Haus Weiffenbach", beim Abriss in den 1950er Jahren eines der ältesten Häuser in Selzen.

Fast ebenso alt war das etwas kleinere Fachwerkhaus, das direkt an das große Fachwerkhaus angebaut wurde ohne eigene Mauer. Vor über 300 Jahren. Vermutlich hatte aus wirtschaftlichen Gründen eine einzige Mauer zu genügen. Eben die des großen Fachwerkhauses.


Die beiden Häuser standen friedlich und geborgen über 300 Jahre eng zusammen, dicht an dicht bis zu dem Tag, als der Beschluss gefasst wurde, das große Fachwerkhaus abzureißen und an diese Stelle die Lagerhalle der Raiffeisengenossenschaft zu bauen. Mit gravierenden Folgen für das kleine Fachwerkhaus. Denn nun stand es ohne eine vierte Außenmauer da, war an der Giebelseite offen vom Parterre bis zum Speicher.

Notdürftig wurde eine Plane zum Schutz gegen Regen, Wind und Schmutz angebracht. Nicht fest verankert, so dass sie Tag und Nacht geräuschvoll hin und her flatterte, und keinen der Bewohner ruhig schlafen ließ.


Die untereinanderstehenden Betten von Oma und Opa – Anna und Adam Raab -, die an dieser Wand standen, die nicht mehr vorhanden war, fanden im Wohnzimmer ihr neues Quartier.

Die Bitte von Schwiegertochter Katharina Raab an ihren Schwiegervater „lossen doch e Brandmauer baue“, fanden bei Hausherr Opa kein Gehör.

Er war der Meinung, das Geld dafür könnte man sich ersparen, denn mit dem Bau der Lagerhalle demnächst sei sein Haus wieder verschlossen.


Das hieß, dass Schwiegertochter und Enkelin – Katharina und Marliese Raab - die steile enge zugige Treppe nach oben zu ihrem Schlafzimmer Abend für Abend mit Kerzenbeleuchtung vorsichtig Stufe für Stufe ohne den Halt eines Geländers zu bewältigen hatten. Das Geländer war mit der abgerissenen Wand verschwunden. Das Schlafzimmer lag glücklicherweise abseits der abgerissenen Wand.


Nach Wochen der Schuttbeseitigung wurde die Lagerhalle gebaut und damit das kleine offene Fachwerkhaus wieder vom Parterre bis zum Speicher verschlossen.



Gut 40 Jahre später, 1991, hatte die Lagerhalle ausgedient. Sie wurde nicht mehr gebraucht und abgerissen. Wieder stand das kleine Fachwerkhaus ohne vierte Außenmauer da. Aber dieses Mal bekam es endlich eine eigene Brandmauer.


Es steht noch heute im Jahr 2021 stabil an Ort und Stelle, ist noch immer das Zuhause von Marliese und schaut mit Zuversicht auf sein 400jähriges Jubiläum.

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