• Stefan Bremler

Wie Schnell die Zeit vergeht

Gaustraße 1 (heute Bahnhofstraße 2): Der "Farben-Schnell" - Ein Haus mit bunter Geschichte in Krieg und Frieden


Ein Beitrag von Stefan Bremler im Rahmen der Helferkreis-Aktion "Selzer Häuser erzählen".



Die Mitteilung

"Den geehrten Bewohnern von Selzen und Umgegend die ergebene Mittheilung, dass ich am 1. März (1897) mich als Tüncher und Tapezierer am hiesigen Platze niederlasse. Ich erlaube mir die Versicherung, dass ich alle mir anvertrauten Arbeiten, von den gewöhnlichsten bis zu den feinsten, billig und solid ausführen werde. Bestellungen nimmt von heute ab entgegen: Ph. Kissinger XVI."

Selzen. Ph. Schnell

Bilder: Die Ausgabe vom 20. Februar 1897 ²



Die Einwohner von Selzer lernten ihren neuen Mitbürger kennen, als sie am Samstag, den 20. Februar 1897 die „Landskrone“ lasen. Wir wissen natürlich nicht, wie viele Bestellungen bei Philipp Kissinger XVI. auf die Anzeige im Oppenheimer Kreisblatt eingingen. Bekannt ist aber, dass der Betrieb, der spätere „Farben-Schnell“, für Generationen das Selzer Dorfleben prägte.

Karoline und Philip Schnell am 25. Hochzeitstag. ³

Fenster aus Farbe


Philipp Schnell (1873-1935) aus Bermersheim (Kreis Alzey) und seine Frau Karoline, geb. Schmitt (1881-1968) aus Frankfurt, erwarben 1897 ein Anwesen am damaligen Ortseingang von Selzen. Die Vorbesitzer, die Familie Wilhelm Güldner, hatte sich unweit ein neues Haus gebaut (Bahnhofstraße 6).

Bilder: Der Kaufvertrag zwischen Wilhelm Güldner und Philipp Schnell. ²



Das 1832 erbaute Haus stand an der Ecke Mainzer Straße / Wahlheimer Weg und erhielt später die Hausnummer Gaustraße 1., noch später Bahnhofstraße 2. Nach Bau der Eisenbahnstrecke Bodenheim-Alzey, des Bahnhofs Selzen/Hahnheim und des Zuwege wurde der Wahlheimer Weg zumindest innerhalb von Selzen zur Bahnhofstraße.


Philipp Schnell fing sofort an, das Anwesen umzubauen. Der Kuhstall war schnell zur Werkstatt geworden und es kam ein Keller hinzu. Der Hauseingang in der Gaustraße wurde zugemauert und zur Einfahrt in die Bahnhofstraße verlegt. Zwar konnte dort, wo einst die Haustür war, kein Fenster eingebaut werden, aber trotzdem setzte Philipp Schnell einen Fenstersims. Viele Selzer dürften das irritiert und belustigt beobachtet haben.

Das Haus mit Fenstersims statt Haustür. ³

Doch schon bald darauf hatte die Hausfront zur Gaustraße hin doch ein fünftes Fenster. Es wurde über den echten Fenstersims samt Klappläden einfach kunstfertig aufgemalt. Gleiches auch auf der Giebelseite.


Überhaupt konnte das schön heraus“geputzte“ Häuschen nicht verheimlichen, welchem Beruf der Eigentümer nachging. Ein Bild zur Einweihung der Turnhalle 1928 zeigt das damals schon fast einhundert Jahre alte Schmuckstück. Der Kunde sah sofort, was er vom Malermeister Schnell erwarten durfte.

Das herausgeputzte Haus beim Turnhallen-Einweihungsfest 1928. ³

Schutz gegen Ochsen und Verwünschungen


Auf dem Bild verdeckt Karoline Schnell (ganz links) einen „Prellstein“ (Siehe) an der Sockelecke. Dieser wurde von Philipp Schnell gesetzt, weil sein gepflegtes Häuschen ständig von Ochsenfuhrwerken, die die Kurve nicht kriegten, gerammt wurde. Der Ochs hatte nunmal keine präzise Lenkung. Häuser an Kreuzungen waren besonders gefährdet und hier liefen schließlich gleich fünf Straßen zusammen. Sogar der angebrachte Abweiser-Stein wurde mehrfach aus dem Boden gerissen.¹


Interessant ist auch der Spruch „Ein jeder wünsch mir was er will, Gott geb‘ ihm zweimal soviel.“ Was nichts anderes hieß, als das Phillip Schnell jedem das doppelte von dem wünschte, was dieser ihm wünschte.

Fluch und Segen - Der Hausspruch der Fam. Schnell. ³

Das brachte die nicht so lieben Mitmenschen, Neider und Unzufriedene unter den Zwang, dem Haus und seinen Bewohnern nur das Beste wünschen zu wollen. Schlechtes bekam man, so der "Fluch" auf der Hauswand, doppelt zurück.



Das Dorfleben wird bunter


Die Kunden dürften aber nicht unzufrieden gewesen sein. Davon zeugt heute noch das dicke und schöne Auftragsbuch. Die ersten Eintragungen stammen von 1911.

Bilder: Das alte Auftragsbuch von 1911. ²



Die Tätigkeiten und Aufträge waren vielfältig. Tapezieren, Tünchen, Malen, Schilderherstellung ... alles was mit Farbe zu tun hatte konnte beauftragt werden.


Vor dem 1. Weltkrieg 1918 stellte ein Maler seine Farbe noch selbst her. Hierzu wurde Ton aus der Grünstädter Gegend oder Kreide von der Insel Rügen bzw. Chapagna (Frankreich) geliefert. Dieser wurde kleingestoßen und mit Milch angerührt. Wer also Farbe brauchte, brachte zur Abfüllung Milch und ein Gefäß zum „Dinjer“ (Tüncher).

Eine kleine alte Rührmaschine. ²

Später schwärmte auch noch sein Sohn Wilhelm von dieser „Milchmischung“, weil sie mit den Jahren immer fester wurde und jeder Küchenfeuchtigkeit trotzte.


In der Stadt dagegen wurde nach dem 1. Weltkrieg wegen dem Mangel an Milch die Farbe mit Leim hergestellt. Nur zersetzte sich der Leim bei Feuchtigkeit und die Farbe war lange nicht so haltbar und abwaschbar wie milchgemachter Anstrich. Trotzdem setzte sich dieses Herstellungsverfahren durch und wurde zunehmend auch im Dorf angewendet. ¹


Bilder: Alte Farbe an alten Mauern. ²



Küchen wurden jahrzehntelang immer grün gestrichen. Variiert wurde nur zwischen hell-, mittel- und dunkelgrün. Diese Mode hatte seinen Ursprung aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts. Bis dahin konnten sich nur wohlhabende Bürger farbige Anstriche und somit ein „Grünes Zimmer“ oder „Blauen Salon“ leisten. 1805 entdeckte man ein chemisch hergestelltes Pigment, dass wegen seiner Farbintensität und Lichtechtheit geschätzt wurde und massenhaft hergestellt als beliebte Malerfarbe Verwendung fand. Das sogenannte „Schweinfurter Grün.“ Der dafür heute gängige Begriff „Giftgrün“ kommt nicht von ungefähr. Wie man später herausfand, war die Wandfarbe hochgiftig und wurde später sogar als Insektizid verwendet.


Für einen farbigen Anstrich wurde der Milch-Kreide-Mischung Trockenfarbe zugeführt. Diese „schnickte“ man mit einem Pinsel an die Wand, tupfte mit einem Naturschwamm oder walzte mit einem zusammengerollten und mit Farbe getränkten Lappen über die Fläche. Teilweise wurde nach dem Grundanstrich mit einer Holz- oder Gummiwalze ein Muster als Bordüre aufgewalzt oder schabloniert. Denn Tapeten waren Luxus und nur wenige konnten sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts leisten. ¹



Schilder für die Besatzer


Apropos Schablonen: Zumindest einige Schablonen für die Schilderherstellung haben sich noch erhalten.

Bilder: Einige Schablonen aus der alten Werkstatt. ²



Die interessanteste Schablone wurde nach dem 1. Weltkrieg verwendet. Schwarze Schilder an den Toren gaben in Selzen während der französischen Besatzungszeit von 1918 bis 1930 Auskunft über die dort einquartierten französischen Offiziere (Officiers), Männer (Hommes) und Pferde (Les chevaux). Mit dieser Vorlage wurden diese Schilder vom Selzer Tüncher Schnell erstellt.

Bilder: Häuser in Selzen mit den "Franzosenschildern". ⁴


Kürzlich wurden bei Aufräumarbeiten n der Werkstatt auch Entwürfe, Skizzen und Vorzeichnungen für die Wandbemalung in der Katholischen Kirche in Mommenheim gefunden. Leider waren diese von Mäuse so zerfressen, dass sie nicht erhalten werden konnten.


Aber auch größere Arbeiten wurden vom Selzer Tüncher-Meister ausgeführt. Das Gefängnis in Mainz und die Psychiatrie in Alzey waren unter anderem Auftragsarbeiten. Mitunter beschäftigte Philipp Schnell bis zu 30 Mitarbeiter.


1928 erkrankte Philipp Schnell an Magenkrebs. Der 55-jährige wurde Zuhause auf seinem alten Esstisch von 1843 operiert. Zwei Ärzte kamen aus Mainz und wurden von der Selzer Gemeindeschwester unterstützt. Die Operation schenkte Philipp Schnell noch sieben Jahre.

Der zum OP-Tisch umfunktionierte Esstisch von 1843. ²

Die nächste Generation


1935 verstarb Philipp Schnell 62-jährig. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Paula und Wilhelm. Im Alter von 30 Jahren übernahm 1936 Sohn Wilhelm Michael Schnell (1906-2004) die Geschäfte seines Vaters.¹

Die Familie Schnell während des 1. Weltkriegs. ³

Er war bei seinem Vater in Lehre gegangen und besuchte 1934 die Malerschule in Buxtehude (siehe Bilder) um „seinen Meister zu machen“. Er spezialisierte sich auf Holzmalerei.

Bilder: Die Malerschüler in Buxtehude, 1934. ³



Wilhelm Schnell war ein talentierter Turner. Stolz prangen seine Urkunden an der Fassade des zur Turnhallen-Einweihung geschmückten Hauses (siehe oben).


Um 1926 wollte er bei einem wichtigen Turnfest in Stuttgart (oder Nürnberg?) teilnehmen. Der Turnverein Selzen hielt seine Siegchancen für zu gering und meldete ihn nicht an. Daraufhin meldete er sich selbst an, nahm teil und belegte im Hochsprung einen der vorderen Plätze. Seine Name ging durch das Radio und letztlich holte ihn der Turnverein mit Ehren und Musik vom Bahnsteig am Selzer Bahnhof ab.

Bilder: Der Turner Wilhelm Schnell im Alter von 19 und 20 Jahren. ³



Nach dem zweiten Krieg


Als gegen Ende des 2. Weltkriegs die Amerikaner in Selzen einmarschierten, gab es keine Gegenwehr. Nur in einem Hof in der Gaustraße hatte sich ein Bürger verschanzt und schoss auf die Alliierten. Er wurde erschossen und sein Leichnam wurde als Abschreckung für längere Zeit liegengelassen. Aus Vorsicht warfen die amerikanische Soldaten Handgranaten in unübersichtliche Hofbereiche. Und so landeten auch Granaten in der Maler-Werkstatt. Allerdings explodierten sie nicht. Zwar wurden sie später von den US-Soldaten eingesammelt, aber trotzdem war man bei der Auflösung der Werkstatt nach dem Tod von Wilhelm Schnell sehr vorsichtig.

Die alte Werkstatt heute. ²

Auch das Geschäft von Wilhelm Schnell florierte. Nur mit der Bezahlung haperte es. Den bezahlt wurde nie vor dem Herbst, weil die Winzer vor dem Weinverkauf kein Geld hatten. Wenn Wilhelm Schnell drei Wochen nach getaner Arbeit seine Rechnung zustellte, bekam er zu hören: „Wie, jetzt schon? Dein Vater kam immer erst im Herbst“. So musste er sich, zumal er Gesellen zu bezahlen hatte, im Sommer mit Maler-Arbeiten für die Gemeinde über Wasser halten.¹


1967 sollte das Haus von 1832 für einen Neubau abgerissen werden. Aber dann hätte die Familie Schnell (Wilhelm hatte 1938 Elisabeth Krichbaum aus Reichenbach im Odenwald geheiratet) von der Grundstücksgrenze abrücken müssen. Also ließ man drei Mauern stehen, baute aus und stockte auf. Und während die alten Wände aus Lehm und Stroh den Erschütterungen des zunehmenden Verkehrs noch immer trotzen, waren die neuen Hohlblocksteine des Anbaus schnell gerissen. ¹


Im Hof entstand ein Ladengeschäft für den Verkauf. Die im Bau vorgesehenen Schaufenster zur Straße hin hatte er aber nicht genehmigt bekommen, denn der Gehweg war nach dem Straßenausbau zu schmal dafür. ¹

Das frühere Ladengeschäft heute. ²

Ende einer Tradition


1972 beendete Wilhelm Schnell seine Handwerker-Tätigkeiten und betrieb nur noch den Laden. Nahezu alle Tapeten in Selzen wurden dort gekauft. 1991 ging er mit 85 Jahren in den Ruhestand. Für eine kurze Zeit übernahm seine Schwiegertochter Gabriele Schnell den Verkauf. ¹ Sein Sohn Karl Winfried Schnell erlernte ebenfalls in 3. Generation das Malerhandwerk, schulte jedoch früh um und machte eine Kaufmanns-Ausbildung.


Wilhelm Schnell wurde 97 Jahre alt und starb am 17. Januar 2004, nur 4 Monate nach seiner Frau.


Das ist die Geschichte einer Selzer Institution, dessen reiche Geschichte in der Gaustraße 1 begann und in der Bahnhofstraße 2 endete.



Grundlage für diesen Text ist ein Gespräch zwischen der Redaktion der Selzer Ortsschell, in Person von Beate Höhnes und/oder Isolde Vatter, und Wilhelm Schnell im Jahr 1991. Weitere Fakten und Anekdoten wurden in einem Treffen zwischen Stefan Bremler und Winfried Schnell ausgetauscht. Vielen Dank dafür.


Vielen Dank an auch an Wilfried Maier für die Zusammenstellung der Lebensdaten der Familie Schnell.


Quellen:

¹ Vgl.: SPD-Ortsverein Selzen (Hg.): "Selzer Ortsschell", Mai 1991, Selzen


Bilder:

² Von Stefan Bremler

³ Von Winfried Schnell, aus dem Familiennachlass. Reproduktionen von Stefan Bremler

⁴ Aus "Selzen - Bilder aus vergangene Tagen 1900-1945, Gemeinde Selzen (Hg.), Selzen, 1989

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