Selzer Bub im Mainzer Feuersturm
- Hugo Kissinger und Stefan Bremler
- vor 1 Tag
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 10 Stunden
Der gebürtige Selzer Hugo Kissinger war Augenzeuge und inmitten des schrecklichen Luftangriffes der Alliierten auf Mainz am 27. Februar 1945. Er erzählt uns von diesem schrecklichen Erlebnis, seiner Kindheit, seiner verlorenen Jugend in Hitlers letztem Aufgebot und von der schweren Nachkriegszeit.
(Aus der Reihe "Selzer Häuser erzählen": Gaustraße 27 u. Kaiserstraße 8.)
Hinweis:
Dieser Beitrag fragt nicht nach Ursache und Wirkung oder gar Schuld oder Unschuld. Der Erfahrungsbericht steht vielmehr stellvertretend für die generelle Grausamkeit von Kriegen und für die tiefgreifende Ohnmacht und Angst der Zivilbevölkerung vor einem willkürlichen „Tod aus der Luft“. Ganz gleich auf welcher Seite und mit welcher Schuld.

Vier Jahre Krieg in der Ukraine. Todbringende Bomben, Raketen und Drohnen auch im Nahen Osten.
Nach fast 80 Jahren Frieden in Europa gibt es hierzulande kaum noch Menschen, die den Schrecken von Kriegen und Luftangriffen selbst erlebt haben.
Hugo Kissinger, geboren 1928 in Selzen – jetzt in Harxheim lebend – ist einer der wenigen verbliebenen Augenzeugen. Die schrecklichen Fernsehbilder aus der Ukraine haben ihn – nun 97-jährig – bewogen, seine zu Papier gebrachten Erfahrungen hervorzuholen und aus seinem bewegten Leben zu erzählen.
Die Generation 1928 - Hitlers letztes Aufgebot

1928 in Deutschland geboren worden zu sein, war keine besonders glückliche Fügung. Zur Welt gekommen am Ende der „Goldenen Zwanziger“ hat der Jahrgang 1928 in seiner frühen Kindheit die Weltwirtschaftskrise mit Armut und Unsicherheit und das Ende der Weimarer Republik erlebt. Die Generation verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der NS-Diktatur mit nationalsozialistischer Erziehung. Anfangs zu jung für die Front, war die Altersgruppe jedoch alt genug, um die Schrecken des Krieges mit Luftangriffen, Evakuierungen, Entbehrungen und dem Verlust von Angehörigen mitzubekommen. Viele der jungen Buben wurden dann am Ende eines längst verlorenen Krieges im Endsiegwahn der nationalistischen Führung „verheizt“. Dies überstanden folgte anschließend die schwere Nachkriegszeit mit ihrer Not und dem Kampf um die Existenz – zumeist ohne Vater.

Doch all das liegt in ferner Zukunft, als 1928 in der Gaustraße 27 in Selzen Hugo Kissinger zur Welt kommt.
Er ist, nach dem 1920 geborenen Hermann, das zweite Kind von Maria und Karl Kissinger III. Wegen der vielen Kissinger in Selzen und aufgrund eines Vorfahren, der mit Mehl handelte, auch Mehlhändler-Maria und Mehlhändler-Karl genannt. ¹
Sie wohnten zusammen mit Luise Binzel, einer Halbschwester von Karl Kissinger, in einem inzwischen abgerissenen Haus. Das Gebäude stand einst dort, wo heute das heruntergekommene Fertighaus auf dem Gelände der ehemaligen Metzgerei Rudolf Kissinger steht – an der engsten Stelle des Engpasses in der Gaustraße. ¹

Wie früher üblich, konnte man über eine Klappe im Fußboden des Hauses in einen großen Gewölbekeller hinabsteigen. Im Hof gab es einen, in Rheinhessen weit verbreitete, Kreuzgewölbestall (die sogenannten „Kuhkapellen“). Dort wird später Rudolf Kissinger – nicht verwandt oder verschwägert mit Karl Kissinger – seine Schlachterei einrichten. ¹
Als Hugo Kissinger 1928 geboren wurde, waren die rheinhessischen Städte und Dörfer noch von den Franzosen besetzt. Für Karl Kissinger, der im 1. Weltkrieg gekämpft hatte, dürfte es besonders deprimierend gewesen sein, dass im Haus auch französische Soldaten untergebracht waren. Ein schwarzes Schild am Tor gab Auskunft über die dort jeweils untergebrachten Offiziere, Männer und Pferde. Erst 1930 zogen die Franzosen nach 12-jähriger Besatzungszeit ab.

Während der 8 Jahre ältere Bruder Hermann auf das Gymnasium gehen durfte, war dies für Hugo nicht vorgesehen. Er sollte wohl den Hof übernehmen, wenn Hermann einen akademischen Beruf ergreifen würde. Hermann studierte Volkswirtschaft bevor er einberufen wurde und fand nach dem Krieg – nachdem er eine Zeitlang den Hof mit bewirtschaftete – eine Anstellung als Lehrer in Undenheim. ¹
Hugo's Kindheitserinnerungen ⁵ (Bildtext nach dem anklicken):
Am 1. September 1939 überfiel die Wehrmacht Polen und löste mit diesem völkerrechtswidrigen Angriff den Zweiten Weltkrieg aus. Nach der Kriegserklärung von Frankreich und dem Vereinigten Königreich am 3. September wurden deutsche Soldaten in das Grenzgebiet zu Frankreich verlegt. In Selzen wurden wieder Soldaten einquartiert – auch bei der Familie Kissinger in der Gaustraße. ¹ Bis zum Beginn des deutschen Westfeldzugs im Mai 1940 halfen die Soldaten bei der Feldarbeit. Mehr siehe hier.
Fotografien zur Einquartierung 1939 ⁵ (Bildtext nach dem anklicken):
Das abrupte Ende der Kindheit

Die Feldarbeit musste nun mit den Ochsen erledigt werden, weil die Wehrmacht alle Pferde beschlagnahmte. Kriegsgefangene aus Polen kamen nach Selzen und sollten die einberufenen Männer aus dem Dorf ersetzen. Sie aßen an gesonderten „Polentischen“, versammelten sich jeden Abend im Dorf und zogen dann zusammen zur Selzer Mühle, wo sie über Nacht eingeschlossen wurden. ³
Bericht:
Nach Beginn des Krieges blieb es für drei Jahre bei nur kleineren Luftangriffen auf Mainz. Am 12. und 13. August 1942 führte dann der Abwurf von rund 380 Tonnen Bomben auf Mainz zu 171 Toten und 363 Verletzten. Erst im Lauf des Jahres 1944 nahm die Intensität der Luftangriffe wieder zu. ⁴

Auch für den 16-jährigen Hugo Kissinger wurde es 1944 ernst. Er schildert:
„Als 16-jähriger wurde ich von Mitte August bis Anfang Oktober 1944 mit tausenden anderen Jugendlichen zum Panzergrabenbau an die Saar beordert. Dieser Panzergraben am sogenannten Westwall, 3,50 m tief und 4,50 m breit, erstreckte sich von Luxemburg bis nach Basel und wurde ohne Rücksicht auf Wiesen, Ackerland, Weinberge und Obstfelder ausgehoben. Er sollte die vorrückenden Kampfpanzer der Amerikaner aufhalten – was natürlich lächerlich war. Im Geiste hörte ich schon damals die amerikanischen Soldaten über diesen hirnverbrannten Versuch lachen.“
„In Selzen schien der Krieg weit weg zu sein, doch nun erlebte ich als sehr junger Mensch die Schrecken des Krieges hautnah."
„Die „Jabo‘s“, wie wir die Jagdbomber der Amerikaner und Briten nannten, haben den Luftraum total beherrscht und auf alles geschossen, was sich bewegt hat. Ich erinnere mich voller Grauen an eine Familie, die mit ihrem von Kühen gezogenen Fuhrwerk bei der Kartoffelernte auf dem Acker war und von den Tieffliegern erbarmungslos zusammengeschossen wurden.“ ²

„Anfang Oktober wurde ich abgelöst und erreichte am 10. Oktober 1944, pünktlich zum Geburtstag meiner Mutter, mein Heimatdorf Selzen.
Freudig zu Hause angekommen, musste ich leider erfahren, dass mein Vater am Tag zuvor bei einem Fliegerangriff auf Mainz ums Leben gekommen war.“ ² ⁵

Bericht: Am 9. Oktober 1944 warfen 354 schwere Bomber (Boing B17, "Fliegende Festung") der US-Luftstreitkräfte etwa 770 Tonnen Sprengbomben über Mainz ab. Hauptangriffsziele waren der Mainzer Hauptbahnhof und das MAN-Werk in Gustavsburg. Etwa 150 Menschen, darunter Karl Kissinger, verloren dabei ihr Leben, ca. 90 wurden verletzt. ⁴
Das Schicksal kann sehr grausam sein. Ausgerechnet Karl Kissinger, der in Selzen die Aufgabe hatte, Ausgebombte aus Mainz bei Selzer Familien unterzubringen und dem viele Selzer das Übel nahmen, starb bei einem Luftangriff auf Mainz. Kurz zuvor musste die Familie wegen Differenzen aus der Gaustraße 27 ausziehen. Hugo Kissinger fand sie bei seiner Rückkehr nach Selzen im Haus Kaiserstraße 8. ¹
„Meine Kindheit war zu Ende und ich in kurzer Zeit erwachsen geworden. Die darauffolgende letzte Kriegsweihnacht und Silvester waren keine friedlichen und freudigen Tage mehr.“ ²
Viele Selzer Familien besaßen Volksempfänger, das Radio für die NS-Propaganda. Die leistungsschwachen Geräte waren nicht an allen Standorten und zu jeder Tageszeit in der Lage ausländische Sender zu empfangen. Jakob Schindel in der Gaustraße 74 hatte einen besonders leistungsfähigen Volksempfänger. Einige Selzer fanden sich dort regelmäßig ein, um von ausländischen Sendern die Wahrheit über den tatsächlichen Kriegsverlauf zu erfahren. Eines Tages kam der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Jakob Simon zu Jakob Schindel und sagte: „Ich will es wissen. Es bleibt unter uns, du hast nichts zu befürchten. Du kannst mir die Wahrheit sagen.“ Jakob Schindel antwortete: „Der Krieg ist verloren“. Eine der drei Töchter von Jakob Schindel, Irmgard Schindel, wurde später Hugo Kissingers zweite Ehefrau. ¹ Sie ist die Schwester von Ellen Engel und Alice Friedrich (noch lebhaft in Erinnerung als ehemalige Wirtin von der Gaststätte "Zum Selzer Frosch").
Februar 1945 – Inmitten des Infernos
Weiter berichtet Hugo Kissinger über den 27. Februar 1945:
„Im Januar 1945 wurde ich mit anderen Kameraden nach Mainz dienstverpflichte. Wir absolvierten eine kurze vormilitärische Ausbildung und sollten der Bevölkerung nach Bombenangriffen zur Seite zu stehen. Wir wurden in der Schillerschule und Leibnizschule in der Adam-Karrillon-Straße (Neustadt) einquartiert.“ ²
„Außer einem etwas größeren Angriff am 13. Januar 1945 war der Monat, bedingt durch die schlechte Wetterlage, verhältnismäßig ruhig. Es gab zwar einige Male Fliegeralarm, diese bezogen sich aber auf Bomberverbände, die Mainz überflogen um ihre todbringende Last auf andere Städte abzuwerfen. Am 1. Februar 1945 begannen dann die Bombardierungen wieder. Die Zerstörung von Mainz hatten die Engländer, wie später bekannt wurde, schon für diesem Tag geplant. Durch einen starken Nordwestwind wurden die Markierungsbomben der "Pfadfinderflugzeuge" nach Südwesten abgetrieben und dadurch das Ziel für die nachfolgenden Bomber verschoben. Die Hauptlast dieses Großangriffs ging daher über den südlichen Rand von Mainz, dann über Mainz-Weisenau, Großberg und Mainz-Laubenheim nieder. Bei diesem Angriff wurde die Christuskirche von Mainz zerstört. Ich musste mit ansehen, wie das Kupferdach geschmolzen herunter fiel. Später berichtigten die Engländer unter ihrem Oberbefehlshaber Arthur Harris diesen Fehlangriff vom 1. Februar und holten diesen am denkwürdigen 27. Februar gründlich nach.“ ²

Bericht:
Am 27. Februar 1945 – nur wenige Wochen vor dem Einmarsch der Amerikaner am 22. März 1945 – flogen 435 Bomber der britischen Royal Air Force den schwersten Luftangriff auf Mainz. Sie warfen in nur 16 Minuten (zwischen 16:29 und 16:45 Uhr) 1.500 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab. Ein verheerender Feuersturm über weite Teile der Mainzer Innenstadt folgte dem Bombardement. Angesichts der Zerstörung blieb die Zahl der Opfer mit 1209 Toten und ca. 1.000 Verletzten vergleichsweise niedrig. Aber es war das Ende der "Goldenen Stadt am Rhein". ⁴
„An diesem Tag gaben die Sirenen vielfach Hauptalarm und danach wieder Entwarnung, was vielleicht mein Glück war, denn der Weg zum Luftschutzraum war mir dadurch antrainiert worden."
„Gegen 15:30 Uhr begann das Inferno. Ich war gerade in dem großen Schulhof der Leibnizschule, als etwa 20 Meter von mir eine Markierungsbombe aufschlug."
Sie war in der Luft noch nicht ausgebrannt und versprühte noch ein beachtliches grünes Feuerwerk. So ein Behälter ist etwa 2.50 m hoch und wird als Ziel für die nachfolgenden Bomber vom Markierungsflugzeug abgeworfen. Jetzt war es höchste Zeit, mich in Sicherheit zu bringen. Beim Laufen zum Keller in der Schillerschule, sah ich noch zwei Pferde mit ihrer Bierkutsche wild davon rennen. Die Kellertreppe hinunter taumelten noch ein Kamerad von mir, zwei ältere Frauen und wie sich später herausstellte, auch der Bierkutscher. Mit zwei großen Hebeln verschlossen wir die Luftschutztür und verkrochen uns in die hinterste Ecke auf eine Bank."

„Keine Minute zu früh – das furchtbare Bombardement begann. Die folgenden unendliche langsam verstreichende Minuten waren die Hölle. Eine ungeheure Detonation ließ uns von der Sitzbank hoch und wieder zurück werfen. Der Grund war ein Bombeneinschlag ca. 30 Meter vor dem Schulhaus mitten auf der Adam-Karrillon-Straße. Sie hinterließ – wie wir später sahen – einen riesigen Krater.“ ²
„Nach diesen schrecklichen Minuten trat plötzlich Totenstille ein und wir vermuteten, dass jetzt alles vorbei sei und wollten nur noch raus. Wir öffneten die Luftschutztür, sie flog auf und Schutt fiel über uns. In diesem Moment kam die zweite Welle der Bomber und wir mussten dann bei geöffneter Tür das zweite Bombardement über uns ergehen lassen. Die beiden Frauen waren ganz still, nur der Bierkutscher jammerte: "Oh je, was werden meine armen Pferde machen". Am nächsten Tag haben wir die Pferde gesehen, sie lagen zerfetzt auf den Trümmern der Bonifaziuskirche mit dem Rest der Kutsche."
„Die Pferde haben nicht lange dort gelegen. Die Mainzer, die den Angriff überlebten, kamen mit Messern und haben sich das Fleisch geholt.“ ²
„Dann war der Bombenhagel endlich vorbei und es trat Stille ein. Wir mussten mit bloßen Händen den Schutt wegräumen um auf allen Vieren ins Freie zu gelangen. Die Erleichterung, das Inferno körperlich unbeschadet überlebt zu haben, drängte vorerst einmal alles andere in den Hintergrund. Zum Glück war unsere Unterkunft zum größten Teil erhalten geblieben, nur die Fenster und Türen waren stark beschädigt, so konnten wir unser Schlaflager notdürftig wieder einrichten.“ ²
„Wir schauten, wo wir helfen konnten. Zuerst mussten wir uns orientieren und was wir dann sahen, überstieg unsere Vorstellungskraft. Die fast totale Zerstörung der Häuser, die großen Brände und der nachfolgende Feuersturm, zwangen uns eine Deckung zu suchen. Ein Durchkommen zur Kaiserstraße war nicht mehr möglich. Allein der große Schulhof war unsere Rettung. Dort fanden die Brände und der Feuersturm keine Nahrung mehr. Umgehängte Säcke, die wir mit dem Löschwasser aus den Fässern, die noch heil geblieben waren, befeuchteten, gaben uns Schutz vor der enormen Hitze.“
„Als am nächsten Tag die Brände etwas nachließen, haben wir erst das Ausmaß der Zerstörungen fassen können.“ ²

„Mein Kamerad Riemenschneider, der mit seiner Mutter in der hinteren Bleiche wohnte, fand das Haus zerstört vor. Er bat mich, ihn zu begleiten, um seine Mutter zu suchen. Wir machten uns auf den Weg über Trümmer, vorbei an vielen Leichen und kamen bis in die Steingasse. Dort hatte man eine Sammelstelle für Leichen auf der Straße eingerichtet. Hunderte waren dort in langen Reihen hingelegt worden, überwiegend Frauen und Kinder. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Dort fanden wir leider auch seine Mutter, er erkannte sie an der Kittelschürze und einem Ring an ihrer Hand. Es wurde schon schwierig, die Toten zu identifizieren, denn nach 2 bis 3 Tagen waren ihre Körper bereits sehr aufgedunsen.“
„Der schlimmste Anblick, der sich mir ins Gedächtnis brannte, war eine junge Frau, deren linke Seite verbrannt war und die in ihrem rechten Arm ihr totes Kind festhielt."
„Sie lag auf einem großen Schuttberg vor der Peterskirche. Ich habe mich oft gefragt, was ist mit all diesen Toten geschehen? Fand man heraus, wer sie waren, oder wurden sie in eine Massengrab beerdigt?“ ²
Ernst Neger, 1952:
"Wär ich einmal der Herrgott heut,
dann wüsste ich nur eens:
Ich nähm’ in meine Arme weit
mein arm’ zertrümmert’ Meenz.
Und streichel es ganz sanft und lind
und sag’ „Hab’ nur Geduld!
Ich bau Dich widder auf geschwind!
Ja, Du warst doch gar net schuld.
Ich mach dich widder wunnerschön,
Du kannst, Du derfst net unnergehn …
Heile, heile, Gänsje …“
„Für die nachfolgenden Generationen sind meine Schilderungen der Tatsachen vielleicht schockierend aber bestimmt schwer nachzuempfinden; aber das alles habe ich als junger Mensch erleben müssen. Nach einigen Tagen durfte ich zu meiner Mutter nach Selzen zurückkehren und mich etwas erholen. Doch kurze Zeit später musste ich nach Erfurt-Bindersleben auf den Feldflugplatz einrücken.“ ²
Auf dem Flugplatz in Erfurt wurde Hugo als Teil des Volkssturms – oder vielmehr des „letzte Aufgebots“ – nur an der noch genügend vorhandenen Panzerfaust geschult. Eine andere „Wunderwaffe“ sah Hugo Kissinger auf dem Rollfeld stehen. Die ersten militärisch eingesetzten Düsenjäger, das Strahlflugzeug Messerschmitt Me 262. Eines davon sah er nach dem Start abstürzen. ¹
Als Hugo hörte, dass die Amerikaner schon den Rhein und Main überquert hatten, wagten er und einige Kameraden die Flucht nach Hause. Ihnen war klar, sollten sie erwischt werden, würden sie wegen Fahnenflucht hingerichtet. Ende Mai 1945 – drei Wochen nach Kriegsende – erreichte er glücklich Selzen. ¹
Stunde Null – Das Leben danach

Hugo Kissinger war nur wenige Tage zu Hause, als die Amerikaner mit dem Jeep vorfuhren und ihn zum Verhör mitnahmen. Es schien nicht jedem zu gefallen, dass ausgerechnet er der Erste war, der aus dem Krieg zurückkehrte. Über stark zerstörte Straßen ging es nach Nieder-Olm, wo man ihm zu Essen und Zigaretten gab. Er beantwortete Fragen nach NSDAP-Mitgliedschaft, die Rolle seines toten Vaters und seine militärischen Einsätze. Am gleichen Tag war er wieder zurück. Anders sein Bruder Hermann, der an der Westfront gefangen genommen wurde und erst nach dreieinhalb Jahren aus britischer Gefangenschaft in England zurückkehrte.¹
Nun begann ohne Vater der Kampf um die Existenz. Die Familie besaß nur wenige Äcker und Weinberge.¹ Auch wenn 1947 ein Kartoffellager für die zunächst französische Besatzungsmacht gebaut wurde – Hunger litt in Selzen niemand. ³ Aber sonst hatten die Familien nicht viel. Überall dort, wo die Besatzungssoldaten wohnten, schliefen die Familien in den feuchten, kalten Kellern. Ausgang war zunächst nur für das Melken und die Feldarbeit erlaubt. ³
Im Sommer 1947 verschärfte sich die Situation dramatisch. Der Sommer war von einer extremen Hitze und Dürre geprägt und führte zu schweren Ernteeinbußen. Der „Steppensommer“ gilt heute als einer der trockensten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das Bachbett der Selz trocknete komplett aus und konnte trockenen Fußes durchschritten werden. Sogar bei Grabungen im Bachbett blieb der Schacht trocken. Manche kamen auf die Idee, den in tieferen Schichten noch etwas feuchten Schlamm als Humus in den Gärten aufzubringen. Eine schlechter Plan. Bald sah man vor Unkraut keine Pflanzungen mehr. ¹ ³

Die größten Schwierigkeiten des Nachkriegsbürgermeisters Christian Siegel waren die Erfüllung der Forderungen der Besatzungsmacht, die Beschaffung von Brennmaterial und die Unterbringung der vielen in Selzen gestrandeten Evakuierten und Flüchtlingen. ³ Mehrfach zog das Bürgermeisterbüro und der Ratssaal um. Zuletzt befand sich der Ratssaal – bis zum Bezug des neu gebauten Rathauses im Jahr 1954 – im Erdgeschoß der Kaiserstraße 8. Die Familie von Hugo Kissinger wohnte im ersten Stock darüber und freuten sich über jede Ratssitzung. Der Ofen im Erdgeschoß wurde dann befeuert und heizte das ganze Haus. ¹
Am Sonntag, den 20. Juni 1948 standen dann die Selzer in Schlangen vor dem Anwesen. Die Währungsreform trat in Kraft und die neue deutsche Mark löste die inflationäre Reichsmark-Währung ab. Jeder Bürger erhielt von der Verwaltung 40 Deutsche Mark. Das Geld wurde aus einem Fenster im Hof ausgezahlt. ³ Doch auch mit der neuen Währung reichte das Geld für die kleine Familie nicht, und so absolvierte Hugo Kissinger eine Ausbildung bei der Bahn und verließ 1965 nach dem Tod seiner Mutter Selzen in Richtung Mainz. ¹
Heute wohnen Irmgard Kissinger, geb. Schindel, und Hugo Kissinger in Harxheim, sind aber noch sehr verbunden mit ihrem Geburtsort Selzen. Trotz seinen 97 Jahren ist Hugo geistig und körperlich fit geblieben. Er fährt noch Auto und Fahrrad und zweimal die Woche geht er ins Fitness-Studio. Und ... in stillen Momenten denkt er an die schwere Zeit zurück.
Quellen:
¹ Aus dem Gespräch mit Irmgard und Hugo Kissinger am 20. März 2026. Text von Stefan Bremler.
² Niederschrift von Hugo Kissinger. Leicht überarbeitet von Stefan Bremler.
³ Treffen der Selzer Generation um 1930 am 13.06.2025. Eingeladen zu dem Austausch hatte Klaus Penzer. Text von Stefan Bremler.
⁴ Luftangriffe auf Mainz. (2026). In Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_auf_Mainz
Fotografien:
⁵ Aus dem privaten Foto-Archiv von Hugo Kissinger.
⁶ Fotografie aus: Selzen - Bilder aus vergangenen Tagen 1900-1945. Gemeinde Selzen, Horb am Neckar, 1989.
⁷ Mühle
⁸ USAAF: Boeing B-17G 2 BG dropping bombs. Gemeinfrei in Wikipedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Boeing_B-17G_2_BG_dropping_bombs.jpg
⁹ Imperial War Museum: Royal Air Force Bomber Command, 1942-1945. Gemeinfrei in Wikipedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Avro_Lancaster_-_Royal_Air_Force_Bomber_Command,_1942-1945._CH14680.jpg?uselang=de
¹⁰ Metz: Mainz St. Bonifaz. Gemeinfrei in Wikipedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mainz_St._Bonifaz.jpg
¹¹ Unbekannt: Luftbild Mainz nach Luftangriff vom 27-02-1945. Gemeinfrei in Wikipedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Photo_-_Luftbild_Mainz_nach_Luftangriff_vom_27-02-1945.jpg

























Sehr beeindruckende Schilderungen. Vielen Dank!