• Karola Parche

Immer wieder neue Heimat

Aktualisiert: Apr 7

Baumgartenstraße 4: Die Amerikaner rollten am 20. März 1945 in Selzen ein und nahmen Anwesen in Besitz.


Ein Beitrag von Karola Parche zur Aktion "Selzer Häuser erzählen".



Anno Dazumal - Porträt mit Regenschirm


Ein altes Foto zeigt die ersten bekannten Bewohner dieses Hauses: Johannes Güldner (1804 - 1897) mit seiner Ehefrau Maria geb. Götter (1812 - 1889) ... und ein Regenschirm.

Johannes und Maria Güldner

Wie die Karte von Selzen aus dem Jahr 1859 zeigte, umfasste der stattliche Besitz ein großzügiges Gebiet mit einem Wohn- und vier Nebengebäude. Ein zweiter Plan von 1893 verrät uns, dass erst später das zweite Wohnhaus (Vorderhaus) gebaut wurde und dafür die gegenüberliegende Scheune weichen musste.

Laut Unterlagen bestand das Grundstück aus 723 qm Hof- und Gebäudefläche, 252 qm Gartenland und 360 qm Gartenland auf der anderen Seite der heutigen Kurt-Schumacherstraße bis runter zur Selz.


Hier kann man unser Vorderhaus von der Hofseite her erkennen am Tag der Verlobung von Toni Güldner mit Karl-Wilhelm Seemann. Links und rechts sind die Eltern Seemann und Güldner zu sehen, davor die Großeltern Johann Phillip Güldner mit seiner Frau Sophie.

Verlobung von Toni Güldner mit Karl-Wilhelm Seemann.

1928 - Eine neue Generation


Im Hochzeitsjahr des jungen Paares Seemann (1928), ließ Vater Phillip Güldner das alte Haus im hinteren Teil abreißen und baute ein für damalige Verhältnisse komfortables Wohnhaus aus den hiesigen Natursteinen und den gelben Ziegeln aus der Selzer Tongrube.


Die heutige Baumgartenstrasse war damals noch sehr kurz und nicht asphaltiert, nur auf einem schmalen Weg konnte Vater Güldner seine Pferdekutsche in den Hof lenken, kein Abwasseranschluss, aber Wasserzulauf und Elektro wurden bereits installiert.


Karl-Wilhelm Seemann kam aus einer kaufmännischen Familie in Wallertheim. Nun führte er die Selzer Kasse im Vorderhaus. Im Tresor war das Geld gelagert.

Die Einwohner von Selzen holten ihr Milchgeld dort ab und brachten Geld zum Sparen.

Nebenher unterstützte er seine Schwiegereltern in der Landwirtschaft. Hauptsächlich wurde Wein angebaut und Felder bewirtschaftet. Neben Hühnern und Schweinen gab es auch 2 Pferde. 1932 wurde die Tochter Gudrun geboren, im Jahre 1936 der Sohn Otfried.

Die Kinder Gudrun und Otfried Seemann.

1945 - Umzug in den Keller


Selzen blieb vom Krieg weitestgehend verschont bis am 20. März 1945 die Amerikaner ins Dorf einrollten und alles in Beschlag nahmen.

Familie Seemann mit ihren Eltern wurden in den Keller verbannt und eine ganze Kohorte junger amerikanischer Soldaten machten sich im Wohnhaus breit.

Im Hof standen dicht an dicht Militärfahrzeuge. Zum Glück war dies nur ein kurzes Intermezzo und in unserem Haus kehrte wieder Ruhe ein. Gudrun wurde Krankenschwester und zog nach ihrer Heirat aus Selzen fort, Otfried wurde Landwirt und zog nach seiner Heirat zu seiner Frau in die Gaustraße.



1966 - Eine neue Familie


Altes Flaschenetikett der neuen Familie.

Nach dem Tod der Eltern Seemann kauften Reinhard und Heike Kappesser (geb. Kiefer) 1966 das Anwesen. Sie renovierten das in die Jahre gekommene Anwesen von Grund auf. Neue Fenster, neue Böden, neue Badezimmer, Balkon, alles solide und modern.



Besonders gravierend war der Abriss der alten Stallungen und das Asphaltieren des Hofes. Das alte Hoftor wurde unter dem Beton vergraben und eine breite Toreinfahrt für die großen landwirtschaftlichen Maschinen gebaut. Vor der Scheune, wo vorher Stallungen waren, wurden 2 Autogaragen und 2 Hundezwinger gebaut. Die Scheune erhielt ein großes Schiebetor und eine riesige Lampe konnte den Hof auch im Winter erhellen. Im Vorderhaus zog Heikes Eltern Kiefer ein und im Jahre 1967 wurde Tochter Katja geboren. Die Familie Kappesser führte mit viel Fleiß und einem breiten Wissen das aufstrebende landwirtschaftliche Gehöft.

Der große Mähdrescher passte nicht mehr in den Hof und wohin mit dem vielen Wein?

Familie Kappesser beschloss auszusiedeln.

Der Mähdrescher - Ein Grund für den Umzug.

1978 - Ein geplatzter Traum


Das Anwesen wurde wieder verkauft. Ein junges Arztehepaar, Dr. Wolfgang und Gabi Katte aus Mainz, träumten von einer eigenen Arztpraxis in unserem Hause. Sie lebten mit Sohn Benjamin und der kleinen Familie ihres Bruders (Michael und Heidrun Hofmann mit Tochter Solveig) gerne auf dem Lande. Leider bekamen sie keine kassenärztliche Zulassung. Deshalb übernahmen sie eine Praxis in Miltenberg und zogen wieder aus.



1984 - Eine neue Liebe


Familie Katte vermietete das Haus an uns, die Familie Parche. Christoph hatte eine Stelle als medizin-technischer Leiter im Hildegardiskrankenhaus in Mainz angenommen und 3 Monate später zogen wir mit unseren beiden Kindern Julia und Anke nach Selzen. So weit außerhalb der Stadt?

Beim Besichtigungstermin wollte ich schon in Harxheim umdrehen, aber dann verzauberte mich das Anwesen mit dem verwunschenen Garten bis runter an die Selz mit Flieder und dem großen abgeschlossenen Hof zum Spielen.

Wir zogen ein!


Das Anwesen aus der Vogelperspektive.

Vieles war an dem Haus renovierungsbedürftig. Die neue Heizung konnte erst 1 Tag vor Weihnachten in Betrieb genommen werden, anschließend musste der Schornstein erneuert werden. Durch Einbau einer 2. Treppe, entstand im Vorderhaus eine abgetrennte Wohnung, die an Anke Tietze und Hans Schultz untervermietet wurde.


Unser 3. Kind, Mirjam, wurde geboren. Auch unsere Mitbewohner bekamen Nachwuchs und zogen aus Platzmangel nach Hahnheim.



1990 - Eine große Veränderung


1990 wurde uns das Haus zum Kauf angeboten. Dieses Haus sollte für uns Heimat werden. Eine längere Zeit der Renovierung stand an. Der ehemalige Pferdestall wurde zum Esszimmer, der Heuboden verwandelte sich in Schlaf- und Badezimmer, neue Fenster und Außenanstrich verliehen unserem Haus ein verjüngtes Aussehen. Der Hof sah nach der teilweisen Entfernung des Betons und dem Abriss der Garagen nach einem familiengemäßen Freizeitgelände aus.


Unter dem Beton hatte sich eine wahre Fundgrube aufgetan, aus dem wir neben mehreren steinernen Futtertrögen auch das ehemalige Hoftor herausholten. Nun ziert das aufgearbeitete Tor wieder unsere Hauseinfahrt. Unsere Kinder haben selber Familien gegründet und sind weggezogen, mein Mann ist vorletztes Jahr verstorben.

Für mich ist das Haus mit allem Drumherum Heimat geworden und ich freue mich darauf, noch lange darin wohnen zu können.
Baumgartenstraße 4 und das alte wiederentdeckte Tor.

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